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Heilwerden aus Gottes Zukunft – Wiedergeburt in der Erfahrung der Seelsorge (S. 209-210)
INGRID SCHOBERTH
1. Einleitung
Die Leitkategorie Wiedergeburt findet sich in der neueren und neuesten Seelsorgeliteratur nur selten. Spricht dieser terminologische Befund nun dafür, dass das, was mit Wiedergeburt bezeichnet worden ist, nicht mehr als tragender Fragehorizont im Blick ist? Im Folgenden soll an einigen Beispielen untersucht werden, ob der durch „Wiedergeburt" bezeichnete Zusammenhang in neueren Konzeptionen möglicherweise in einer anderen Terminologie erscheint. Damit muss sich das Verfahren dieses Beitrags unterscheiden von einer Nachzeichnung des Begriffsgebrauchs. Vielmehr ist hier zu fragen, ob der Ausdruck „Wiedergeburt" in seiner praktisch-theologischen Funktion durch andere Kategorien und Bestimmungen ersetzt worden ist.
Ich gehe dazu aus von der Seelsorgelehre Eduard Thurneysens, die gleichsam als Wendepunkt stehen kann: Für seine Bestimmung des seelsorglichen Handelns der Kirche ist „Wiedergeburt" eine zentrale Kategorie, ja gar ein Begriff, mit dem er die theologische Bestimmtheit der Seelsorge festhalten will; nach Thurneysen verschwindet der Begriff zu- nehmend aus der Literatur. Mit Thurneysen beginnen heißt zugleich aus der wieder entdeckten Aktualität seiner Seelsorgelehre zu schöpfen, die im gegenwärtigen Diskurs um die Seelsorge wieder verstärkt rezipiert wird: Hier sind wesentliche Einsichten formuliert, die die Seelsorge auf ihre theologische Substanz befragen. Freilich sind auch die Gründe zu bedenken, die zu einer Abkehr von Thurneysens Ansatz führten. Das theologische Niveau dieses Ansatzes sollte aber nicht unterboten werden.
Nach Thurneysens „Lehre von der Seelsorge", in der der Begriff der Wiedergeburt ausdrücklich verwendet wird, soll in der Diskussion aktueller Seelsorgekonzeptionen gefragt werden, ob sich die Sache, die mit „Wiedergeburt" bezeichnet war, in neuen, modifizierten Sprachformen auffinden lässt, oder ob der Begriffsverlust auch einen Erkenntnisverlust mit sich bringt. Abschließend sollen einige Kriterien entwickelt werden, wie die theologische Bestimmtheit der Seelsorge aus der Reflexion der Erfahrung vonWiedergeburt beschrieben werden kann.
2. „Umdrehen zu einem neuen Leben" – Wiedergeburt in der Seelsorgelehre Eduard Thurneysens
Gottes Handeln am Menschen in der Seelsorge ist die Grundfrage, der sich Thurneysen in seiner „Lehre von der Seelsorge" stellt.Wie ist das theologisch verantwortet zu beschreiben und auch methodisch dann in der Seelsorge zu realisieren, dass Gott am Menschen handelt? Thurneysen fragt zunächst nicht nach der Praxis der Beratung, sondern dezidiert nach der theologischen Bestimmung von Seelsorge. Hier wird für ihn der Begriff der Wiedergeburt leitend, mit der er das Geschehen in der Seelsorge genauer fassen will, das den einzelnen herausführen soll aus den Konflikten und Belastungen und ihn schließlich wieder hinführen soll zum gemeinsamen Leben in der Gemeinde. Seelsorge kann aus diesem Zusammenhang als Weg zur Wiedergeburt bezeichnet werden, der die Buße des Menschen vor Gott korrespondiert. Erst so wird erkennbar, wie Wiedergeburt sich in der Lebensgeschichte eines Menschen realisiert. Gottes Handeln und menschliches Handeln bleiben so aufeinander bezogen: Indem Gott in seinem Handeln am Menschen immer das Zentrum bleibt, ist Buße gerade nicht Anfang einer Selbstheilung des Menschen oder gar sein eigenwilliger Versuch einer moralischen Erneuerung.2 Die Antwort des Menschen ist selber Werk des Heiligen Geistes, der die Wiedergeburt wirkt, die zur Bekehrung des Menschen wird.
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