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II. Hauptteil: Kirche erglauben (S. 50-51)
»Es ist dies Stücke (Ich glaube eine heilige christliche Kirche) eben so wohl ein Artikel des Glaubens als die andern. Darum kann sie keine Vernunft, wenn sie gleich alle Brillen aufsetzt, erkennen. Der Teufel kann sie wohl zudecken mit Ärgernissen und Rotten, dass du dich müsstest dran ärgern, so kann sie Gott auch mit Gebrechen und allerlei Mangel verbergen, dass du musst darüber zum Narren werden und ein falsch Urteil über sie fassen. Sie will nicht ersehen sondern erglaubt sein. Glaube aber ist von dem, das man nicht siehet (Hebr 11,1). Und sie singet mit ihrem Herrn auch das Lied: »Selig ist, der sich nicht ärgert an mir.«
Es ist ein Christ auch wohl ihm selbst verborgen, dass er seine Heiligkeit und Tugend nicht siehet, sondern eitel Untugend und Unheiligkeit siehet er an sich. Und du grober Klügling, wolltest die Christenheit mit deiner blinden Vernunft und unsauberen Augen sehen?
Summa, unser Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht in der Welt, vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt. Darum lass Ärgernis, Rotten, Ketzerei und Gebrechen sein und schaffen, was sie mögen. So allein das Wort des Evangelii bei uns rein bleibt und wir es lieb und wert haben, so sollen wir nicht zweifeln, Christus sei bei uns und mit uns, wenn’s gleich aufs ärgste gehet, wie wir hie sehen in diesem Buche, dass Christus durch und über alle Plagen, Tiere, böse Engel, dennoch bei und mit seinen Heiligen ist, und endlich obsiegt.«
Mit diesen Sätzen beschließt Luther seine zweite Vorrede »Auf die Offenbarung Sankt Johannes« im Jahr 1530. Acht Jahre zuvor hatte Luther in seiner ersten Vorrede noch Sachkritik an dem letzten Buch der Bibel geäußert:
Es geht beim Ersehen und Erglauben der Kirche um die gleiche Dialektik von Entzug und Bezug, wie sie Jesus in seinen Abschiedsreden mit seinen Jüngern einübt, wenn er ihnen deutlich macht, dass er sich ihnen entziehen und zum Vater gehen muss, damit neue Beziehung möglich wird, das Kommen des Parakleten, des Trösters, »der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.« (Joh 14,26) Deshalb ist Jesu Gehen zum Vater für alle, die ihn lieb haben, ein Grund zur Freude und nicht zur Trauer. Freilich, Jesus wischt die Trauer seiner Jünger nicht einfach weg, weil er um den Schmerz weiß, der durch seinen Abschied in den Jüngern verursacht wird: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.« (Joh 16,20)
Der Trost Jesu hat in der Verheißung des kommenden Parakleten eine adventliche Gestalt. Die Trauer der Jünger wird nicht einfach weggewischt, aber im Blick auf das Kommen des Parakleten und im Blick auf das Wiedersehen mit dem wiederkommenden Herrn wird die Trauer begrenzt auf eine »kleine Weile«: »Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.« (Joh 16,17) Die Eigenart des Trostes, wie er von Jesus seinen Jüngern verheißen wird, überspielt den Schmerz nicht, sondern reißt einen adventlichen Horizont vom Kommen des Parakleten auf, an dem der Schmerz seine Grenze .ndet. Damit ist der Kirche in der Nachfolge Jesu der Weg gewiesen, wie sie mit dem Trost umgehen kann, der ihr selbst durch Jesus abschiedlich verheißen ist. Sie kann diesen Trost nicht in handliche Sinnangebote umsetzen, weil sie den von Jesus verheißenen Parakleten nicht zur Verfügung hat.
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