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17 (S. 226-227)
15. Januar 2005
Clevenger war um zehn nach eins wieder zurück im Loft. Er kochte sich eine Kanne Kaffee, griff sich seine Kopie von Snows Tagebuch und machte es sich zum Lesen auf der Couch bequem. Er blätterte Seite um Seite durch, hielt hier und dort inne, um Kostproben von Snows Philosophie zu lesen, aber er ertappte sich dabei, dass seine Aufmerksamkeit immer wieder von Snows Zeichnungen von Grace abgelenkt wurde. In ihnen offenbarte sich Snows Leidenschaft am deutlichsten. In ihnen wirkte er am menschlichsten.
Er blätterte zu der letzten Zeichnung, in der Snow Graces Gesicht als eine Collage aus Zahlen, Buchstaben und mathematischen Symbolen dargestellt hatte. Er starrte das Bild lange an. Und zum ersten Mal kam ihm in den Sinn, dass Grace möglicherweise Snows Kreativität gar nicht gestört oder bloß neben ihr existiert hatte – vielleicht hatte sie sie vielmehr befeuert.
Nutzte Snow Grace Baxter aus? War sie die erste Frau, die seine Leidenschaft geweckt hatte, oder schlicht eine neue Energiequelle, die er angezapft hatte? Wurde er menschlicher, oder war er ein Vampir, der einer verletzlichen Frau das Lebensblut aussaugte?
Das Lebensblut. Die Worte erinnerten Clevenger von neuem an die Möglichkeit, dass Grace sich selbst die Halsschlagadern durchschnitten hatte. Wenn Snow sie emotional hatte ausbluten lassen und dann einfach weggeworfen hatte, könnte sie sein psychologisches Verbrechen in das physische Äquivalent umgewandelt und ihren blutleeren Leichnam zu dem konkreten Symbol ihrer gescheiterten Affäre gemacht haben.
Aber dieses Szenario passte einfach nicht zu Lindsey und Kyle Snows Beobachtungen, dass ihr Vater tatsächlich wie verwandelt gewesen sei. Es passte nicht zu Jet Hellers Eindruck, dass Snow sein Herz an Grace verloren hatte.
Clevenger legte das Tagebuch beiseite und schloss die Augen, kapitulierte vor dem Schlaf, den er sich zu lange versagt hatte. Doch er wachte schon nach einer Viertelstunde wieder auf, weil ihm etwas eingefallen war, das George Reese am Tag zuvor auf dem Polizeipräsidium gesagt hatte. Clevenger stand auf und begann, auf und ab zu ti gern. Vielleicht täuschte seine Erinnerung ihn, vielleicht legte er zu viel in Worte hinein, die im Zorn gesprochen worden waren, aber es wollte ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.
Er griff nach dem Telefon und wählte Mike Coadys Nummer. Er erreichte ihn zu Hause.
»Guten Morgen, fast«, nuschelte Coady, noch immer im Halbschlaf.
»Als ich gestern Reese befragt habe, hat er mich angeschrien, wie schmerzhaft es gewesen wäre, zusehen zu müssen, wie seine Frau verblutete.«
»Ja.«
»Erinnern Sie sich auch daran? An seine genauen Worte?«
»Ich denke schon.«
»Sie denken es?«
»Nein, nein.« Er atmete tief aus und räusperte sich. »Ich bin sicher.
Er hat gesagt: ›Wissen Sie, wie es ist, mit ansehen zu müssen, wie Ihre Frau verblutet? Haben Sie auch nur die leiseste Vorstellung?‹«
»Das sind genau die Worte, an die ich mich auch erinnere.«
»Hurra. Und verraten Sie mir jetzt auch, warum das so wichtig ist, dass Sie mich mitten in der Nacht anrufen?«
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