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2.2 Der apoplektische Insult gesellschaftlich und ökonomisch gesehen (S. 75-76)
Der apoplektische Insult ist eine chronische Erkrankung, die vor allem, jedoch nicht ausschließlich, ältere Menschen betrifft. Um darauf aufmerksam zu machen, dass auch jüngere Menschen und Kinder davon betroffen sind hat die Deutsche Schlaganfall-Hilfe die Kampagne »Junger Mensch und Schlaganfall« gestartet.
Jährlich erleiden ca. 200 000 Menschen in Deutschland einen apoplektischen Insult. Aufgrund der ansteigenden Lebenserwartung und dem Anwachsen des Bevölkerungsanteils älterer Menschen ist mit einem Anstieg der Häufigkeit dieser Erkrankung zu rechnen. Volkswirtschaftlich gesehen ist der apoplektische Insult ein großer Faktor. Nach Schätzungen, die auf Zahlen aus den USA beruhen, kostet die Behandlung der 500 000 Menschen, die in Deutschland an den Folgen dieser Erkrankung leiden, jährlich 7,2 Milliarden Euro (Neurologische Klinik Universitätsklinikum Mannheim 2003). Hier genaue Zahlen zu liefern ist extrem schwierig, da beispielsweise ca. 10 % der Betroffenen im erwerbsfähigen Alter sind und der Verlust ihrer Produktivitätskraft in diese Zahlen nicht eingerechnet ist (Warlow et al. 2001). Eine »Arbeitsgemeinschaft deutscher Schlaganfallregister« (ADSR) soll für Deutschland alle Menschen erfassen, die von dieser Krankheit betroffen sind und Daten über die Behandlung und ihren Erfolg liefern. So erhofft man sich Grundlagen für eine bessere Versorgung, die bedarfsgerecht und gleichzeitig effizient sein soll. Aus diesem Grund hat man sich auch in Deutschland dem Vorbild aus angelsächsischen Ländern und Amerika angeschlossen und Schlaganfallstationen (auch Stroke Units genannt) eingerichtet. Hier soll durch gezieltes Management die bestmögliche Diagnostik und Behandlung für die Betroffenen erreicht werden.
Das Krankheitsbild des apoplektischen Insults zeigt sich in vielfältiger Weise. So etwas wie den »typischen Schlaganfallpatienten« gibt es nicht, sondern es sind Menschen, die der apoplektische Insult in unterschiedlichsten Lebenssituationen trifft und dessen Folgen sich unterschiedlich auswirken können. Unterschiedlichste Situationen brauchen unterschiedlichste Formen der Therapie. Im Folgenden werden wichtige Konzepte für die Versorgung von Menschen nach einem apoplektischen Insult aufgezeigt und erläutert.
2.3 Therapeutische Konzepte in der Neurorehabilitation von Menschen mit einer Hirnverletzung oder Hirnerkrankung
Die Lebenserwartung der Menschen steigt und die Fortschritte der Akutmedizin bringen bessere Behandlungs- und damit auch Überlebenschancen, auch für Menschen mit einer Hirnerkrankung oder Hirnverletzung.
Obwohl noch große Unklarheiten und Unverständnis darüber besteht, wie unser Gehirn arbeitet, haben die Neurowissenschaften neue Erkenntnisse zur Funktionsweise und zur Regeneration des Gehirns gebracht. Man weiß heute, dass das zentrale Nervensystem nicht hierarchisch organisiert, sondern wie ein Netzwerk untereinander verbunden ist. Das heißt, dass Hirnleistungen ungeheuer komplexe Vorgänge sind. Auf dieser Erkenntnis sowie auf der Vorstellung eines lebenslangen Lernens beruhen alle hier ausgeführten therapeutischen Konzepte. Letzteres wird mit dem Fachbegriff Neuroplastizität ausgedrückt. Stein et al. (2000) definieren diesen Begriff als die Kapazität des Gehirns, sich an die ungewöhnlichsten Erscheinungen anzupassen. Nicht nur die Reaktion wird angepasst, sondern es verändern sich auch Struktur und chemische Prozesse im Gehirn. Die Nervenzellen haben unbegrenzte Möglichkeiten, ihre Interaktionen miteinander zu verändern. »Damit wird den Menschen eine ungeheure Breite von Erfahrungen und Wahrnehmungen möglich, schließlich ist alles was wir lernen, fühlen, erinnern und tun das Ergebnis solcher Interaktionen. « (Stein et al. 2000: 28)
Jeder Mensch hat also lebenslang das Potential Neues zu lernen. Im positiven wie im negativen Sinne. Von außen sehen wir erst im »Tun«, was der Mensch im Gehirn aufgenommen und verarbeitet hat. Im Pflegealltag ist immer wieder sicht- und spürbar, dass hirnverletzte Menschen Bewegungsabläufe und die normale Interaktion mit sich und der Umwelt wieder in einem großen Maße erlernen können.
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