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Erster Wissensweg – Erkennen (S. 25-27)
Daten – Fakten – Hintergründe
Gerald M. Edelman über Wissen, Bewusstsein und Schlaf
Ausschnitte aus einem Gespräch mit dem Nobelpreisträger für Medizin
In das noble kalifornische Küstenstädtchen La Jolla, unweit der mexikanischen Grenze, ist wieder Ruhe eingekehrt. Wochen nach den verheerenden Waldbränden des letzten Herbstes tanzt nur noch ein wenig rostbrauner Staub über die Strandpromenade, der sich zuvor auf die Luxuskarossen und die zahlreichen Forschungsinstitute gelegt hatte. Nirgends auf der Welt ist die Dichte an Forschungslabors und Neurowissenschaftlern pro Quadratkilometer höher als in diesem sonnenverwöhnten Flecken Kaliforniens. So trägt La Jolla seit kurzem den in an Anlehnung an das berühmte »Silicon Valley« entstandenen Beinamen »Neuron Valley«. Im Radius von nur zwei Meilen befinden sich gleich drei Gehirnfabriken von Weltruf: Das vom Nobelpreisträger Francis Crick gegründete Salk Institute liegt direkt am Pazifik. Einen Steinwurf davon entfernt findet man das ebenfalls nobelpreisgekürte Neuroscience Institute von Gerald M. Edelman sowie etwas weiter südlich den luxuriösen mit Wasserspielen und Edel restaurants ausgestatteten Campus der Universität von San Diego.
Edelman sieht sein Neuroscience Institute als »Kloster der Wissenschaft «: »Unsere Wissenschaftler haben hier alle Freiräume, die sie brauchen, um Spitzenleistungen zu vollbringen. Genügend Geld, Ruhe, Zeit und den wunderbaren Pazifik vor der Nase.« Tatsächlich findet man hier alles, was ein Forscherherz begehrt. Ähnlich dem Salk Institute von Francis Crick erinnert die in Wissenschaftlerkreisen nur Brain Institute genannte Denkfabrik mit ihrer hellen klaren Architektur an die Bauten César Manriques auf Lanzarote. Zwischen den strahlend weißen Gebäuden und den schwarzen Felsen setzen Bambus, Pinien und Eukalyptus grüne Akzente.
Gerald M. Edelman erhielt im Jahre 1972 den Medizin-Nobelpreis für seine Arbeiten über die chemische Struktur von Antikörpern. Nun, mehr als dreißig Jahre später, träumt Edelman von einem weiteren Nobelpreis. In seinen neuen Forschungsfeldern, der Gehirnphysiologie und der Erforschung des menschlichen Bewusstseins, hat er sich vor allem durch seine » Neuronengruppen- Selektions-Theorie« einen Namen gemacht. In diesem populärwissenschaftlich auch »Neuraldarwinismus« genannten Modell verstärken sich, vereinfacht ausgedrückt, die Nervenverbindungen, die von einem Menschen oft benutzt werden, während Neuronengruppen, die weniger oft verwendet werden, »verkümmern « und mit ihnen auch die erworbenen Fähigkeiten, die in diesen Hirnarealen repräsentiert wurden.
REMUS: »Herr Edelman, was bedeutet es, wenn ein Mensch sagt: ›Ich weiß‹, und wie ist dieses Wissen im Gehirn repräsentiert?«
EDELMAN: »Wir wissen immer noch nicht genau, wie ›Wissen‹ genau im Gehirn repräsentiert und gespeichert wird, ebenso wenig, wie wir wissen, was ›Bewusstsein‹ ist. Wir wissen eigentlich immer noch viel zu wenig, auch wenn wir alle täglich mit Informationen überflutet werden – die wirklich interessanten Dinge wissen wir leider noch nicht. So machen wir zurzeit hier am Insti- tut einige sehr interessante Versuche über den Schlaf. Wussten Sie, dass Fruchtfliegen auch schlafen? Mein Mitarbeiter Ralph Greenspan versuchte zuerst, die Drosophila vom Schlaf abzuhalten, indem er sie in Rüttelmaschinen wach hielt. So konnten wir herausfinden, was ›Schlaf‹ für eine Fruchtfliege bedeutet. Jetzt versuchen wir herauszufinden, was im Fliegengehirn vor sich geht. Schließlich hat so ein kleines Gehirn nur 250000 Nervenzellen im Gegensatz zu den über 100 Milliarden, die wir im Kopf haben. Aber es ist eine Schande, mit dem Schlaf beschäftigt sich die Wissenschaft seit sehr langer Zeit, und dennoch ist das Rätsel immer noch nicht gelöst. Niemand weiß, warum wir schlafen müssen.«
REMUS: »Über den Schlaf wissen wir wenig. Wissen wir denn etwas mehr über das Gegenteil, das Wachsein? Was ist Bewusstsein?«
GERALD M. EDELMAN: »Bewusstsein und die so genannten Qualia* sind zwar nach wie vor rätselhaft, aber wir messen ihnen meines Erachtens einen viel zu hohen Stellenwert bei. Bewusstsein ist eigentlich nur ein ›Abfallprodukt‹ unserer Gehirnleistung. Auch wenn uns Bewusstsein ›weiter als der Himmel erscheint‹, um mit Dickinson zu sprechen, ist es nichts weiter als das Ergebnis, das sich zwingend aus einer Gleichung ergibt, die auf Erfahrungsinputs und einer adäquaten Selektion des Gehirns beruht.«
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