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Andrea Polaschegg
Zwischen Poetischen Wäldern und Paradiesgärtlein (S. 21-22)
Paul Gerhardts Sommergesang
Das 17. Jahrhundert hatte viele Passionen: die Mechanik, den Tod, die „große Ordnung", die Rhetorik, die Konfession. Wirft man einen genaueren Blick auf die Dichtung der Epoche, dann fügen sich in diesen Reigen epochaler Leidenschaften jedoch noch zwei weitere ein, deren historische Tragweite sich neben der Größe ihrer Nachbarn winzig ausnehmen mag, die aber nichtsdestoweniger den Status tatsächlicher Obsessionen des Barockzeitalters für sich beanspruchen können: Die Rede ist vom Bild und vom Wald, dem Vor-Augen-Setzen und dem Garten. „Das 17. Jahrhundert war", so formuliert es Ernst Osterkamp, „von der Wirkungskraft der Bilder in solchem Maße überzeugt und fasziniert wie nach ihm erst das ausgehende 20. Jahrhundert", und Wolfgang Adam fasst die Epoche in der Einleitung zu seinem Buch Poetische und kritische Wälder mit den Worten zusammen: „Wie das Licht als Metapher der Wahrheit zum Kennzeichen der Aufklärung wurde, bildet der Garten, die von der Kunst domestizierte Natur, eine epochale Signatur des 17. Jahrhunderts."
Zwischen diesen beiden epochemachenden Momenten Bild und Wald spannt sich der poetologische und kulturgeschichtliche Hintergrund meines Beitrags auf. In seinem Zentrum steht mit dem 1653 erschienenen Sommergesang gerade jenes Gedicht Paul Gerhardts, das einerseits sowohl in der Forschung als auch in den Gesangbüchern unserer Tage immer wieder als Lied über die Natur begriffen worden ist und dessen Naturbildern andererseits zugesprochen wurde, nicht für sich selbst zu stehen, sondern „Ab-bilder für Gottes Wirken am Geschöpflichen und damit für Gott selber" zu sein. Die folgenden Seiten werden also, mit einer zumindest grob gerasterten poetologiegeschichtlichen Landkarte des 17. Jahrhunderts in Händen, einen Spaziergang unternehmen, der auf teils gewunden Wegen durch die üppig begrünten und von mannigfaltigen Kreaturen bevölkerten Textlandschaften des Sommergesangs führt, und dabei Ausschau halten nach den Bedeutungsdimensionen, die sich hier im Anschauen „der schönen Gärten Zier" an den literarischen Verbindungsstellen von Bild und Wald im Text eröffnen. In Vorbereitung dieses erkenntnisorientierten Spaziergangs aber gilt es, wie angedeutet, zunächst eine erste Orientierung auf dem literarischen Feld der Bild- und Wald-Obsessionen des 17. Jahrhunderts zu gewinnen.
Das Bild
Die oft beschriebene Attraktion der Bilder für das Barockzeitalter fand in ganz unterschiedlichen Bereichen ihren kulturgeschichtlichen Niederschlag; am augenscheinlichsten in der Omnipräsenz tatsächlicher Bilder in allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen. Das beginnt mit den sich stetig erweiternden Gemäldesammlungen der Höfe und reicht über die von Skulpturen besiedelten Gärten und die von Fresken überzogenen Fassaden profaner und sakraler Gebäude bis hin zu einer inflationären Produktion von Flugblättern und Kupferstichen. Die Bilder-Lust der Zeit war jedoch nicht auf bildmediale Formen selbst beschränkt, sondern wies weit in die Dichtkunst hinein, deren zentrale Grundsätze sie in erheblichem Maße prägte. Das Diktum des griechischen Lyrikers Simonides, die Malerei sei eine stumme Poesie, die Dichtung ihrerseits eine sprechende Malerei, bildete zusammen mit der ut-pictura-poiesis-Formel des Horaz einen wichtigen Kern barocker Poetiken. Den sichtbarsten und zugleich signifikantesten Ausdruck fand dieses Dichtungs-Prinzip in der Emblematik, einer Form der Lehrdichtung, die Bild und Text miteinander verschränkte und zwischen 1600 und 1700 ihre Blütezeit erlebte. Etymologisch geht der Begriff „Emblem" auf das griechische emblema zurück, was etwas Eingesetztes, Eingefügtes bezeichnet. Und sieht man sich ein beliebiges Emblem genauer an, dann wird die Bedeutung des Begriffs im Kontext der Dichtung auch unmittelbar sinnfällig (Abb. 1).
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