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Emil oder über die Erziehung

von: Jean-Jacques Rousseau

Jazzybee Verlag, 2012

ISBN: 9783849634384 , 867 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 0,99 EUR

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Emil oder über die Erziehung


 

 


Mit Beginn der zweiten Lebensperiode, in welche jetzt das Kind eintritt, hat eigentlich die Kindheit schon ihr Ende erreicht, denn die Wörter infans und puer sind nicht gleichbedeutend. Das erstere ist unter dem zweiten mit einbegriffen und bedeutet ein Kind, welches noch nicht sprechen kann, weshalb auch der Ausdruck des Valerius Maximus »puer infans« seine volle Berechtigung hat. Allein ich werde mich unserem Sprachgebrauch anschließen und mich des Wortes Kindheit nach wie vor bis zu dem Lebensalter bedienen, für welches unsere Sprache bezeichnender Benennungen hat.

 

Wenn die Kinder zu sprechen beginnen, weinen sie weniger. Dieser Fortschritt ist natürlich; eine Sprache verdrängt die andere. Warum sollten sie wohl, wenn sie mit Worten auszudrücken vermögen, daß sie leiden, zum Schreien ihre Zuflucht nehmen, falls ihre Schmerzen nicht zu heftig sind, als daß sie sich durch Worte ausdrücken lassen? Fahren sie dann doch noch zu weinen fort, so liegt die Schuld an den Personen ihrer Umgebung. Hat Emil erst einmal gesagt: »Mir ist unwohl,« so werden ihm fortan nur die heftigsten Schmerzen Tränen auszupressen imstande sein.

 

Wenn das Kind schwächlich und empfindlich ist, so daß es von Natur um nichts in Geschrei ausbricht, so suche ich diese Tränenquelle dadurch zu verstopfen, daß ich es sich vergeblich abschreien lasse. Solange es weint, gehe ich unter keinen Umständen zu ihm; ich eile aber zu ihm, sobald es sich beruhigt hat. Bald wird es sein Betragen ändern und mich durch Schweigen oder höchstens dadurch rufen, daß es einen einzigen Schrei ausstößt. Nur nach der wahrnehmbaren Wirkung beurteilen die Kinder die Bedeutung der Zeichen, für sie gibt es keine andere Art und Weise. Mag sich ein Kind noch so wehe tun, so wird es doch, wenn es allein ist und keine Hoffnung hat, gehört zu werden, in höchst seltenen Fällen weinen.

 

Wenn es fällt, sich eine Beule an den Kopf stößt, Nasenbluten bekommt oder sich in die Finger schneidet, werde ich ihm durchaus nicht mit bestürzter Miene sofort zu Hilfe eilen, sondern mich wenigstens eine Zeitlang ruhig verhalten. Das Uebel ist einmal geschehen, das Kind muß den Schmerz aushalten; all mein Eifer würde nur dazu dienen, es noch mehr zu erschrecken und seine Empfindlichkeit zu vermehren. Im Grunde genommen wird der Schmerz, den man bei einer Verletzung empfindet, weniger von der Wunde, als von der Furcht erregt, die uns der Anblick derselben einflößt. Diese letztere Bangigkeit werde ich ihm wenigstens ersparen; denn sicherlich wird es sich in der Beurteilung seines Schadens nach mir richten. Sieht es mich unruhig herbeieilen, um es zu trösten und es zu beklagen, so wird es sich für verloren halten; sieht es mich dagegen meine Kaltblütigkeit bewahren, so wird es auch die seinige bald wiedergewinnen und den Schaden für geheilt halten, sobald es den Schmerz nicht mehr empfindet. Unter solchen Erfahrungen entwickelt sich schon in diesem Alter in der Brust des Kindes Mut und Unerschrockenheit; durch furchtloses Ertragen leichterer Schmerzen lernt man stufenweise auch die großen ertragen.

 

Weit entfernt, meinen Emil sorgfältig vor jeder Verletzung, die er sich zufügen könnte, zu behüten, würde es mir vielmehr höchst unlieb sein, wenn er sich niemals wehe täte und aufwüchse, ohne den Schmerz kennen zu lernen. Leiden und Dulden ist das erste, was er lernen muß, und was zu verstehen ihm am nötigsten sein wird. Es hat fast den Anschein, als ob die Kinder nur klein und schwach wären, um diesen wichtigen Unterricht ohne Gefahr erhalten zu können. Fällt das Kind der ganzen Länge nach hin, so bricht es sich doch nicht das Bein; schlägt es sich mit einem Stock, so bricht es sich doch nicht den Arm, greift es nach einem scharfen Messer, so packt es doch nicht fest zu und verwundet sich deshalb auch nicht tief. Mir ist kein Beispiel bekannt, daß man je ein sich selbst überlassenes Kind sich hat töten, zum Krüppel machen, oder einen erheblichen Schaden zufügen sehen, vorausgesetzt, daß man es nicht leichtsinnigerweise an erhöhte Plätze oder ohne Aufsicht in die Nähe des Feuers gesetzt oder gefährliche Instrumente in seinem Bereich gelassen hat. Was soll man wohl zu diesem Arsenal künstlicher Mittel sagen, mit denen man ein Kind umschanzt, um es auf alle Weise gegen den Schmerz zu waffnen, und durch die man nichts anderes erreicht, als daß es, wenn es erwachsen ist, ihm ohne Mut und ohne Erfahrung preisgegeben ist, sich beim ersten Nadelstich schon für eine Beute des Todes hält und ohnmächtig wird, sobald es einen einzigen Blutstropfen vergießt?

 

Ein Beleg für unsere pedantische Lehrwut ist der leidige Umstand, daß wir uns nicht einmal enthalten können, den Kindern selbst das beizubringen, was sie aus sich selbst weit besser lernen würden, und daß wir darüber das verabsäumen, was wir allein sie lehren können. Gibt es wohl etwas Törichteres als die Mühe, die man sich gibt, sie gehen zu lehren? Hat man etwa je einen Erwachsenen gesehen, der deshalb nicht hätte gehen können, weil ihn seine Wärterin einst vernachlässigt hatte? Wie viele Leute sieht man dagegen, die lebenslang einen schlechten Gang behalten, den man ihnen schon am Gängelband beigebracht hat.

 

Emil wird weder Fallhüte noch Laufkörbe noch Kinderwagen noch solche Gängelbänder bekommen; von dem Augenblick an, wo er einen Fuß vor den andern setzen kann, wird man ihn nur noch an gepflasterten Stellen halten und ihm schnell darüber hinweghelfen.33 Anstatt ihn in ungesunder Stubenluft verkümmern zu lassen, wird man ihn täglich mitten auf eine Wiese führen. Dort mag er laufen und sich lustig umhertummeln; meinetwegen mag es alle Tage hundertmal dabei hinfallen, das ist nur desto besser, denn dadurch wird er um so eher wieder aufstehen lernen. Das wohltuende Gefühl der Freiheit wiegt viele Wunden auf. Mein Zögling wird sich gewiß oft stoßen, aber gleichwohl wird er immer fröhlich und guter Dinge sein. Wenn die eurigen sich weniger oft wehe tun, so sind sie dafür auch nie Herren ihres eigenen Willens, sind stets gefesselt, fühlen sich stets gedrückt. Ich zweifle, daß der Vorteil auf ihrer Seite liegt.

 

Auch noch ein anderer Fortschritt, nämlich die Entwicklung und Zunahme ihrer eigenen Kräfte, nötigt sie jetzt weniger oft zum Weinen. Da sie jetzt mehr durch sich selbst vermögen, bedürfen sie fremder Hilfe desto weniger. Mit ihrer Kraft entwickelt sich gleichzeitig die Einsicht, die ihnen die Fähigkeit verleiht, dieselbe richtig zu leiten. Auf dieser zweiten Stufe beginnt eigentlich erst das individuelle Leben; nun erst gelangt das Kind zum Bewußtsein seiner selbst. Die Erinnerung erweitert die Empfindung der Identität über alle Augenblicke seines Daseins; es wird nun in Wirklichkeit ein einheitliches Wesen, das sich stets als dasselbe fühlt, und wird folglich jetzt erst des Glückes und Elendes fähig. Es ist deshalb von Wichtigkeit, daß man es von nun an als ein moralisches Wesen betrachte.

 

Obgleich man über das äußerste Ziel des menschlichen Lebens, sowie über die Wahrscheinlichkeit, die man in jedem Lebenshalter hat, dieses Ziel zu erreichen, annähernde Berechnungen besitzt, so ist doch nichts ungewisser als die Lebensdauer jedes einzelnen Menschen; dieses höchste Lebensziel erreichen nur sehr wenige. Gerade bei seinem Beginn ist das Leben den größten Gefahren ausgesetzt; je kürzere Zeit man gelebt hat, desto weniger darf man hoffen, sein Leben zu erhalten. Von allen Kindern, die geboren werden, erreicht höchstens die Hälfte das Jünglingsalter, und euer Zögling wird also wahrscheinlich das Mannesalter nicht erreichen.

 

Was soll man also von der jetzigen barbarischen Erziehung denken, welche die Gegenwart einer ungewissen Zukunft opfert, die einem Kind allerlei Fesseln anlegt und es gleich vom ersten Augenblick an unglücklich macht, um ihm in weiter Ferne ich weiß nicht was für ein vermeintliches Glück zu bereiten, das es vermutlich nie genießen wird? Wie könnte man, selbst für den Fall, daß diese Erziehung hinsichtlich ihres Zweckes vernünftig wäre, es ohne Unwillen mit ansehen, wie diese armen unglücklichen Wesen einem unerträglichen Joch unterworfen und gleich Sträflingen zu ununterbrochenen Arbeiten verurteilt sind, ohne sich der sicheren Hoffnung hingeben zu können, daß sie dereinst aus diesen vielen Mühen auch Nutzen ziehen werden? Die Jahre des Frohsinns vergehen ihnen unter Tränen, Züchtigungen, Drohungen – kurzum in voller Sklaverei. Man peinigt das unglückliche Kind um seines Wohles willen und will nicht einsehen, daß man dadurch den Tod herbeiruft, dessen Beute es mitten unter diesen traurigen Vorkehrungen werden wird. Wer vermag zu berechnen, wie viel Kinder als Schlachtopfer der überspannten Weisheit eines Vaters oder eines Lehrers dahinsterben? Glücklich sind alle zu preisen, welche solcher Grausamkeit entgehen! Der einzige Vorteil, den sie aus den ihnen zugefügten Leiden ziehen, liegt darin, daß sie sterben, ohne den Verlust eines Lebens zu beklagen, von dem sie nur die Qualen kennen gelernt haben.

 

Menschen, seid menschlich, das ist eure erste Pflicht; seid es gegen alle Stände, gegen alle Lebensalter, gegen alles, was der menschlichen Natur eigen ist. Kennt ihr noch eine Weisheit außer der Humanität? Liebet die Kindheit,...