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3 (S. 66-67)
Im Verlauf der Evolution und mit der Entwicklung des aufrechten Gangs beim Menschen hat sich auch seine Beckenform verändert. Zwar ist das knöcherne Becken der Frau heute immer noch breiter als das des Mannes, doch hat sich der Raum, in dem sich das ungeborene Kind befindet, deutlich verkleinert. Hinzu kommt, dass sich das Gehirn eines ungeborenen Kindes sehr schnell entwickelt und sein Kopf in Relation zum Körper daher sehr groß ist. Diese beiden evolutionär bedingten Faktoren treffen bei der Geburt aufeinander: Es besteht ein ungünstiges Verhältnis zwischen Beckenbreite der Frau und Größe des Kopfs eines Ungeborenen. Dies führt dazu, dass die Geburt eines Menschen – im Vergleich zu anderen Spezies – eher langwierig und manchmal auch komplikationsreich ist.
Tessa stellte das Buch ins Regal zurück. Instinktiv fuhren ihre Hände dorthin, wo sie selbst unter dem dicken Parka die Beckenknochen spüren konnte. Sie fragte sich, wie Feli die Geburt überstanden hatte. Feli hatte mindestens so schmale Hüften wie sie, und Curt war ihr schon immer extrem großschädelig vorgekommen. Bislang hatte sie ihrer Schwester noch nicht erzählt, dass sie schwanger war. Der Gedanke, Feli die Schwangerschaft komplett zu verheimlichen und ihr irgendwann in sieben Monaten einfach das schreiende Kind an den Hörer zu halten, erheiterte sie.
Am 44. Tag bedecken die Augenlider den gesamten Augapfel. Zwischen dem 46. und 48. Tag bilden sich die ersten Knochen – immer am Oberarm. In der siebten und achten Lebenswoche des Embryos nimmt der Daumen Gestalt an, und es entstehen die bleibenden Linien an den Handinnenflächen, den Fingerkuppen und den Fußsohlen. Am Ende des zweiten Monats sieht der Embryo bereits wie ein winziges Baby aus.
Wieder wanderte Tessas Hand zu ihrem Bauch. Sie hatte keine Schmerzen. Sie spürte gar nichts. Doktor Goridis hatte sie beruhigt. Es sei normal, dass sie im Unterleib außer einem gelegentlichen Ziehen noch nichts spürte. Sie würde das Kind erst spüren, wenn es anfing, sich zu bewegen. Und das konnte frühestens im Januar sein.
Wie in einem Daumenkino ließ Tessa die Entwicklung des Kindes vom weißen Punkt über die Kaulquappe hin zu etwas Menschartigem an sich vorüberziehen. Wie sollte sie das nennen, das in diesem Moment in ihr wuchs? Noch einmal blätterte sie zur neunten, zehnten Wo che zurück. Ein Reptil vom Mond. Krumm, weiß, molluskig. Bei aller Liebe konnte sie kein winziges Baby ausmachen. Tessa schob auch dieses Buch ins Regal zurück.
Sie schaute sich um. Die Buchhandlung, die zu einer großen Kette gehörte, war noch immer kaum besucht. Sie selbst hatte diese Vorortfiliale vor einer Viertelstunde zum ersten Mal betreten. Eine Weile war sie vor der Ladenzeile auf- und abgegangen, hatte die welken Fischbrötchen im Schaufenster links und das Preisinferno im Schaufenster rechts betrachtet, bis sie entschieden hatte, die Sonnenbrille und die Baseballcap, die sie in der Tiefgarage des Einkaufscenters aufgesetzt hatte, wieder einzustecken. Sie hatte sich nicht geschminkt am Morgen, die Haare nicht gewaschen und den ältesten Parka angezogen, den sie in Sebastians Kleiderschrank gefunden hatte.
Dunkle Brille, Hut, vergiss den Kram. Das machst du nur, wenn du in jedem Fall erkannt werden willst. Einfach scheiße aussehen, das ist die beste Tarnung. Irgendein Filmsternchen hatte Tessa bei einem ihrer ersten TV-Empfänge diesen Rat gegeben.
Unbehelligt griff sie nach einem der Bücher, die auf dem Tisch am höchsten aufgestapelt waren. Offensichtlich ein Bestseller. Die Frau auf diesem Cover war noch runder, hatte noch latzigere Latzhosen an als die auf dem ersten und lächelte noch glücklicher.
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