Suchen und Finden
Service
Kapitel 7: Erziehung und Bildung (S. 175-176)
Worum es geht …
Muss der Mensch erzogen werden? Aus anthropologischen Forschungen scheint sich die generelle Erziehungsbedürftigkeit des Menschen belegen zu lassen. Doch was ist eigentlich »Erziehung «? Klärungsversuche des Erziehungsbegriffes werden vorgestellt. Erziehung ist nicht ohne Ziele, Normen und Werte möglich. Welche Modellvorstellungen zum Erziehungsprozess gibt es? Oder sollte man den Erziehungsbegriff in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft durch den der Bildung ersetzen? Der Begriff Bildung wird als Grundkategorie beschrieben, Umrisse eines modernen Bildungskonzeptes werden entwickelt.
7.1 Warum ist der Mensch auf Erziehung angewiesen? – Anthropologische Grundlagen
Wer pädagogisch handelt, hat ein (mehr oder weniger bewusstes) »Menschenbild «. Pädagogik in Praxis und Theorie beruht auf einer impliziten Anthropologie, wie Heinrich Roth (1971) in seinem zweibändigen Grundlagenwerk herausgearbeitet hat. Wer z.B. den Menschen für ein biologisches »Mängelwesen« hält, zudem triebhaft und instinktunsicher, das nur durch Kultur überleben kann, wird anders erziehen als jemand, der den Menschen für die Krone der Schöpfung hält, in dem alle Fähigkeiten und Anlagen schlummern und sich von selbst entfalten …
Spätestens seit Beginn des »pädagogischen Jahrhunderts« (18. Jahrhundert) wird die pädagogische Anthropologie als Begründung und Rechtfertigung von Erziehung und Bildung verstanden (Oelkers 1994, 195). Die menschliche »Natur« bedürfe des »kulturellen Überbaues«, damit der Mensch zum Menschen werde. Erziehung wird zur humanisierenden Kraft. Nur: Das seit Rousseau bekannte Basisproblem (vgl. Kap. 4: Geschichte) gerät aus dem Blick, »wonach nicht ›erzogen‹ werden kann, was sich von Natur aus selbst entwickelt …« (ebd. 195). Übersehen wird auch leicht, daß Lernbedürftigkeit nicht gleichbedeutend sein muss mit Erziehungsbedürftigkeit, denn mit »Erziehung« ist untrennbar Normativität verbunden (versuchen Sie mal, ein Kind zu erziehen ohne Vorstellungen von »gut für das Kind/schädlich für das Kind«; s.u. Ziele, Normen, Werte)! Und ob Normen aus der »Natur« des Menschen(kindes) gültig ableitbar sind, ist äußerst umstritten.
Die uralte Frage der Anthropologie (anthropos = der Mensch, logos = Lehre oder Wissenschaft) heißt: »Was ist der Mensch?« Die moderne Anthropologie spricht aber nicht mehr von einem »Wesen des Menschen«. Vielmehr beschäftigen sich unterschiedliche Wissenschaften (von der Biologie über die Psychologie, die Medizin und Kulturanthropologie bis zur Philosophie und Theologie) unter unterschiedlichsten Perspektiven mit dieser Grundfrage. Die pädagogische Anthropologie sucht deren Fragestellungen und Ergebnisse für die Erziehungswissenschaft fruchtbar zu machen und pädagogisch weiterzudenken (Überblick bei König/Ramsenthaler 1980, Scheuerl 1982, Braun 1989, Kamper 1989, Wulf 1994, Z. f. Päd. H. 2/1994, Weber 1995, Hamann 1998, Rittelmeyer 2002). Zu fragen ist auch, welchen Beitrag die Pädagogik zu einer allgemeinen Anthropologie leisten kann, z.B. indem die Pädagogische Anthropologie (als der innerdisziplinäre Ort innerhalb der Pädagogik) den Menschen unter ihrem spezifischen Aspekt erforscht: der Mensch als erziehungsfähiger und erziehungsbedürftiger (homo educabilis et educandus), besser noch unter dem Aspekt des Lernens im Sinne der Genese des menschlichen Subjekts (Miller-Kipp 1995, 158).
Alle Preise verstehen sich inklusive der gesetzlichen MwSt.; Ersparnis im Vergleich zur Printversion
























