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1. Die Erzählung des Alten Niemand (S. 7-8)
›Nicht einmal der Alte Niemand kennt das ganze Geheimnis‹, dachte Bolgan voll Sorge. ›Das Einzige, was er hat, ist sein Mut.‹
Das Land der Tanzenden Berge! Es ist eine merkwürdige Gegend, in der diese Geschichte ihren Anfang nimmt, eine weit von Araukaria, der Hauptstadt des Alten Reiches, entfernte Provinz. Die Landschaft ist schön und anmutig, mit grünen, baumbestandenen Kuppen und tief eingeschnittenen Tälern, in deren Niederungen knorrige alte Trauerweiden in einem niemals endenden Zwiegespräch mit kristallklaren Bächen stehen.
Im Frühling ist dieses Land herrlich anzuschauen, aber auch in jenem Herbst, in dem diese Geschichte beginnt, machte es einen friedlichen und angenehmen Eindruck. Die geschwungenen Linien der Hügel hoben sich klar vom blauen Oktoberhimmel ab, über den der Westwind dann und wann ein paar Wolken trieb. Es war noch warm, auch wenn der Winter bald Einzug halten würde.
Eigentlich sehen die Berge nicht aus, als seien sie eine Besonderheit; in Wahrheit aber sind sie eine der merkwürdigsten Gegenden des Alten Reiches.
Vor so langer Zeit, dass auch die letzte Erinnerung daran verschwunden ist, bewegten gewaltige Kräfte die Erde. An einigen Stellen tat sie sich auf, und aus ihren Tiefen wurden die Gebirge geboren; an anderen Stellen sammelte sich das Wasser, und es entstanden die unüberwindlichen Meere. Viele Lebewesen kamen daraus hervor, nur wenige davon sind uns heute noch bekannt. Ein Volk von Riesen beherrschte die Erde, zog nach Norden und verschwand; über Generationen waren die Lande unbewohnt, bis die großen Zauberer kamen, von weit jenseits der Ostmauer, und große Taten vollbrachten, bis sie versanken und zu Staub zerfielen; Menschenreich folgte auf Menschenreich, entfaltete sich und verging – die Erde war noch jung und wandelte mit jeder Generation ihr Gesicht.
Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Die Magier von einst sind verschwunden und die Lande erstarrt – die geheimnisvollen Kräfte sind müde geworden.
Nur im Land der Tanzenden Berge sind die alten Geister noch am Werk und sorgen dafür, dass das Land – wie von unsichtbaren Händen bewegt – Nacht für Nacht seine Gestalt ändert. Die Berge wandern und haben immer ein neues Gesicht, und niemand kann behaupten, er kenne sich dort aus. Die wenigen Wege und Stege führen in die Irre, und man kann sich verlaufen wie in keinem anderen Land. Mancher hat schon den doppelten Weg zurücklegen müssen, weil er mitsamt seinem Lager während der Nacht um viele Meilen in die Richtung, aus der er kam, zurückverfrachtet worden ist. Die Berge sind launisch, sagt man.
Menschen meiden dieses wundersame Land – wer will schon in einer so eigensinnigen Gegend leben? Nur Hirsche und Rehe fühlen sich hier wohl – weil es ihnen nichts ausmacht, morgens an einem Baum aufzuwachen, unter dem sie sich abends nicht zur Ruhe gelegt haben.
Zu der Zeit, da diese Geschichte beginnt, wohnte im Land der Tanzenden Berge nur ein einziger Mensch. Man nannte ihn den Alten Niemand. In den Landen war er weit bekannt, doch kaum jemand konnte von sich sagen, er kenne ihn persönlich, denn er verließ seine merkwürdige Heimat praktisch nie. Desto mehr Legenden umgaben ihn dafür. Dass er alt sein musste, älter als jeder Sterbliche, wusste jeder. Es hieß, er sei mächtiger als selbst der Born von Araukaria, der weit entfernt in der Hauptstadt saß und das Alte Reich verwaltete; doch er gebrauchte seine Macht niemals zum Schaden anderer. Es hieß, er sei ein Heiler, aber nur wenige machten sich auf den beschwerlichen Weg zu ihm. Sie fürchteten ihn – und die Tanzenden Berge, die sein kleines Reich bewachten. Deswegen lebte der Alte Niemand völlig zurückgezogen in dieser Einsamkeit. Er war der Herr der Berge. Und die Berge waren seine Diener.
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