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Zeitschrift für Evangelische Ethik - 47. Jahrgang (Heft 1-4) Januar bis Dezember 2003

Zeitschrift für Evangelische Ethik - 47. Jahrgang (Heft 1-4) Januar bis Dezember 2003

von: Johannes Fischer, Christofer Frey, Wolfgang Huber u. a. (Herausgeber)

GVH Zeitschriften, 2003

ISBN: 9783579099040, 329 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 60,00 EUR

Ersparnis: 10,00 EUR

  • The Vitality of Critical Theory
    Goodbye Mr. Socialism
    The Life of Meaning - Reflections on Faith, Doubt, and Repairing the World
    Overcoming Speechlessness - A Poet Encounters the Horror in Rwanda, Eastern Congo, and Palestine/Israel
    Right & Wrong - and Palestine, 9-11, Iraq, 7-7...
    Government in the Future
    Against Ratzinger
    Our Word is Our Weapon - Selected Writings
  • Bakunin - The Creative Passion-A Biography
    Negative Ethnicity - From Bias to Genocide
    Nonconformity - Writing on Writing
    Sent by Earth - A Message from the Grandmother Spirit
    A Short Course in Intellectual Self Defense
    The Culture Struggle
    Research on Professional Responsibility and Ethics in Accounting
    Blue Ribbon Papers - Interactionalism: The Emerging Landscape
 

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Zeitschrift für Evangelische Ethik - 47. Jahrgang (Heft 1-4) Januar bis Dezember 2003


 

Die Goldene Regel (S. 193-194)

Versuch einer prinzipienethischen Rehabilitierung

Von Heiko Schulz

›Tut euren Mitmenschen nicht an, was sie euch antun sollen. Ihre Geschmäcker könnten verschieden sein.‹ Mit diesem unverhohlen sarkastischen Ratschlag persifliert G.B. Shaw eine bestimmte Lesart dessen, was unter der Bezeichnung Goldene Regel (im Folgenden: GR) bekannt ist.1 Worin die Möglichkeit einer solchen Persiflage gründet und ob ihre implizite Kritik zu Recht besteht, wird noch zu zeigen sein. Kaum bestreitbar scheint jedenfalls, dass das mit dem genannten Ausdruck Bezeichnete nach wie vor allgemeine Wertschätzung genießt, auch wenn sich in der Regel vermutlich kaum jemand veranlasst sehen dürfte, darüber nachzudenken, woher jener Ausdruck stammt, was sich im Einzelnen dahinter verbirgt oder welchen Rechtsgrund seine Anwendung im Kontext moralischer Überlegungen haben mag.

Immerhin, so viel steht fest: Der Name der Regel hat sich als Übersetzung des englischen Ausdrucks golden rule eingebürgert, der zum ersten Mal gegen Ende des 17. Jahrhunderts, und zwar nahezu zeitgleich, in einer Reihe theologischer Publikationen auftaucht.2 Seither ist die im deutschen Sprachraum unter dieser Bezeichnung kursierende Verhaltensempfehlung in Gestalt des Sprichwortes ›was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu‹ bekannt und nach wie vor weit gehend geschätzt. Den Satz selbst bzw. seine unterschiedlichen Formen führt man dabei häufig auf biblische Quellen zurück. So belegt das Buch Tobit, eine apokryphe, ursprünglich aramäische Schrift des AT aus dem 2. Jahrh. v. Chr., dessen negative Fassung: ›Was du nicht leiden magst, wenn ein anderer es dir antut, das tue auch keinem anderen an‹ (Tob 4, 15 [16]). Ungleich prominenter ist ihr Auftreten im Kontext der jesuanischen Bergpredigt, wo sie in jener positiv-reziproken Form angeführt und als prinzipielle Richtschnur moralischen Verhaltens anempfohlen wird, die Shaws eingangs zitierte Persiflage provoziert hat: ›Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut auch ihr ihnen‹ (so Mt 7, 12; vgl. Lk 6, 31).

Immer noch weithin unbekannt dürfte allerdings die Tatsache sein, dass die GR bereits vorund außerbiblisch in nahezu allen Kulturkreisen als sittliche Grundnorm Verbreitung und Wertschätzung genießt. So ist sie etwa unter den Aussprüchen überliefert, die Thales und Pittakos, zwei der sieben Weisen des Altertums, zugeschrieben werden.4 Aber auch über den griechischrömischen bzw. abendländisch-christlichen Kulturkreis hinaus behauptet sie durchgängig ihre zentrale Stellung, so im Einflussgebiet des Islam sowie in Indien und China, wo sie vor allem in der konfuzianischen Ethik eine herausragende Rolle spielt (vgl. Wattles 1996, Kap. 2). Es verwundert daher nicht, dass die Regel innerhalb des christlich-abendländischen Kulturkreises schon früh aus ihrem innerreligiösen Kontext gelöst und als Kurzform des Dekalogs bzw. als Inbegriff des sog. natürlichen Sittengesetzes interpretiert wurde, das Gott als solches jedem Menschen ›ins Herz geschrieben hat‹ (Luther). Dieser Deutungsprozess beginnt bereits mit Paulus (vgl. Röm 2, 1 u. 2, 14ff) und wird in der Folgezeit u.a. von Justin, Augustinus, Bonaventura, Thomas v. Aquin bis hin zu den Reformatoren (vor allem Calvin) aufgenommen und weitergeführt. Der wirkungsgeschichtliche Höhepunkt dieser Entwicklung liegt im 17. Jahr- hundert: Hier spielt die GR im Kontext der Naturrechtsdebatte und dem damit verbundenen Versuch einer Neuformulierung universaler Moral- und Rechtsprinzipien eine zentrale Rolle – so vor allem bei Thomas Hobbes und Christian Thomasius.

Im Zuge der europäischen Aufklärung zeichnen sich freilich erste Spuren ihrer prinzipienethischen Degradierung ab: Bereits Locke und wenig später Leibniz fordern nicht nur ihre Präzisierung, sondern auch und vor allem eine stringente Begründung für ihre ausnahmslose Gültigkeit (vgl. Reiner 1974, 352; Wattles 1996, 81f). Diese Entwicklung, die mit der sukzessiven Durchsetzung der Forderung nach einem Prinzip vernünftiger Verallgemeinerung in der Ethik parallel geht bzw. darin begründet ist (vgl. Horster 1995, 155), kulminiert in Kants berühmter Abfertigung der Regel in einer (!) Fußnote der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in der diese zur popularphilosophisch trivialisierten Form des Kategorischen Imperativs degradiert und ihr jegliche Tauglichkeit als philosophisch ernst zu nehmendes moralisches Grundprinzip abgesprochen wird.6 Kants harsche Kritik dürfte wohl die Hauptursache dafür sein, dass die Philosophie lange Zeit, insbesondere im deutschen Sprachraum, »über diese Regel ... fast völlig verstummt ist« (Reiner 1974, 353). Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind respektable Rehabilitierungsversuche und Diskussionsbeiträge von prominenter, vor allem philosophischer7 Seite unternommen worden, so etwa durch Emanuel Lévinas und Paul Ricoeur (vgl. ders. 1990 u. 1993), aber auch aus sprachanalytischer Richtung: z.B. durch Richard Hare (vgl. ders. 1987) oder jüngst Ernst Tugendhat.