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Zeitschrift für Evangelische Ethik - 44. Jahrgang (Heft 2-4) April bis Dezember 2000

Zeitschrift für Evangelische Ethik - 44. Jahrgang (Heft 2-4) April bis Dezember 2000

von: Christofer Frey, Johannes Fischer, Wolfgang Huber u. a. (Herausgeber)

GVH Zeitschriften, 2000

ISBN: 9783579099019, 247 Seiten

Format: PDF, OL

Mac OSX,Windows PC Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Linux,Mac OSX,Windows PC

Preis: 42,00 EUR

Ersparnis: 7,00 EUR

  • The Vitality of Critical Theory
    Goodbye Mr. Socialism
    The Life of Meaning - Reflections on Faith, Doubt, and Repairing the World
    Overcoming Speechlessness - A Poet Encounters the Horror in Rwanda, Eastern Congo, and Palestine/Israel
    Right & Wrong - and Palestine, 9-11, Iraq, 7-7...
    Government in the Future
    Against Ratzinger
    Our Word is Our Weapon - Selected Writings
  • Bakunin - The Creative Passion-A Biography
    Negative Ethnicity - From Bias to Genocide
    Nonconformity - Writing on Writing
    Sent by Earth - A Message from the Grandmother Spirit
    A Short Course in Intellectual Self Defense
    The Culture Struggle
    Research on Professional Responsibility and Ethics in Accounting
    Blue Ribbon Papers - Interactionalism: The Emerging Landscape
 

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Zeitschrift für Evangelische Ethik - 44. Jahrgang (Heft 2-4) April bis Dezember 2000


 

Organe um jeden Preis? (S. 269-270)

Zur Frage der Alternativen der postmortalen Organspende
Von Anja Haniel
Kaum eine Therapieform hat in den letzten Jahren so immense Fortschritte erzielt wie die Organtransplantation. Die Zahl an Transplantationen ist beständig angestiegen und die Erfolgsquote konnte unter anderem durch neue Medikamente zur Verhinderung der Organabstoßung wesentlich verbessert werden. Im allgemeinen haben die Patienten nach der Transplantation eine deutlich höhere Lebensqualität als vorher. Vielfach ist die Organtransplantation die einzige lebensrettende Behandlungsmöglichkeit überhaupt. Auch für die Krankenkassen rechnet sich eine Transplantation oft, da beispielsweise eine jahrelange Dialyse bei Nierenpatienten auf die Dauer erheblich teurer kommt als Transplantation und Nachsorge. Doch gerade dieser Erfolg ist es, der zum größten Problem der Organtransplantation wird. Während der Bedarf an Organen ständig ansteigt, hat die Spendebereitschaft in der Bevölkerung eher nachgelassen. Aus diesem Grund werden die Wartelisten mit Patienten, die dringend ein Organ benötigen, immer länger.

Allein in Deutschland fehlen jährlich etwa 1000 Nieren, 500 Herzen und 500 Lebern. Das Problem existiert auch in anderen Ländern, ist aber in Deutschland besonders gravierend. Welche Gründe für die niedrige Spendebereitschaft ausschlaggebend sind, kann hier nicht erörtert werden, sicher spielt aber die lange kontroverse Debatte um das Transplantationsgesetz und den Hirntod als Todeszeitpunkt eine wichtige Rolle. Das seit 1997 geltende deutsche Transplantationsgesetz hat unter anderem die Absicht, zu einer Steigerung der Spendebereitschaft beizutragen, indem es für eine erhöhte Transparenz der Abläufe sorgt. In dem kurzen Zeitraum seiner Geltung kann ein solcher Effekt bislang jedoch nicht festgestellt werden (Oduncu 1999).

Die Knappheit an Spenderorganen führt zu der Situation, daß die Frage der Verteilungsgerechtigkeit zu einem zentralen Aspekt der ethischen Auseinandersetzung mit der Organtransplantation geworden ist. Die Organvergabe erfolgt derzeit nach Kriterien wie Gewebeverträglichkeit, Wartezeit, Dringlichkeit, Erfolgsaussicht u.a.. Problematisch hieran ist, daß sich nach diesen Kriterien nicht in jeder Situation eine eindeutige Entscheidung ergibt. So können die Erfolgsaussichten bei einem jungen Patienten am größten sein, während ein älterer dringender das Organ benötigt, da der Krankheitsverlauf bei ihm bereits weiter fortgeschritten ist. Angesichts dieser Situation erfolgt die Organvergabe nach einem System, bei dem jeder Patient für alle Kriterien Punkte erhält.

Aus der Anzahl der erhaltenen Punkte errechnet sich dann, welcher Patient bei der Vergabe eines Organs den Vorrang erhält. Im Sinne des Gleichheitsprinzips kann diese Situation jedoch nicht restlos befriedigen, da es letztlich doch der behandelnde Arzt ist, der bewerten muß, welcher seiner Patienten beispielsweise die besseren Erfolgsaussichten hat. Völlige Objektivität ist dabei nicht zu erreichen. Selbst wenn diese gegeben wäre, bliebe die Tatsache bestehen, daß Patienten, denen möglicherweise mit einem Organ hätte geholfen werden können, versterben.

Als einziger Ausweg aus dieser Dilemmasituation ist die Erhöhung der Anzahl verfügbarer Organe anzusehen. Da es als nahezu unwahrscheinlich gilt, die Spendebereitschaft der Bevölkerung in genügendem Ausmaß zu verbessern, werden in den letzten Jahren vermehrt alternative Wege gesucht, um den Organmangel zu bekämpfen. Zu nennen sind hier die Herstellung künstlicher Organe, die Xenotransplantation, also die Transplantation tierischer Organe, sowie der Versuch, aus embryonalen Stammzellen oder durch therapeutisches Klonen Organe und Gewebe zu züchten. Vielleicht mit Ausnahme von Blutdialysegeräten ist allen gemeinsam, daß es sich bislang noch um Verfahren handelt, die allenfalls im experimentellen Stadium sind, aber noch keine routinemäßig anzuwendenden Therapien darstellen. Darüber hinaus werfen sie eine Vielzahl unterschiedlicher ethischer Fragen auf, die im Vorfeld ihrer routinemäßigen Anwendung gesellschaftlich diskutiert werden sollten. Die beiden letztgenannten Verfahren sind außerdem zumindest in Deutschland gesetzwidrig.

Ziel dieses Artikels ist es, zunächst einen Überblick über diese alternativen Wege der Organbeschaffung zu geben. Darüber hinaus soll die Frage erörtert werden, inwieweit die dafür zu betreibende Forschung durch das Anwendungsziel ethisch rechtfertigt werden kann bzw. welche ethischen Fragen bei der Anwendung selbst zu beachten sind. Bei dieser Betrachtung lege ich die folgenden, aus christlich-ethischer Perspektive wohl weitestgehend konsensfähigen Kriterien der ethischen Bewertung zugrunde:

Die Menschenwürde: Im Sinne einer medizinethischen Betrachtung, wie sie hier vorgenommen wird, umfaßt die Menschenwürde zwei Parameter: zum einen die Autonomie bzw. Selbstbestimmung des Patienten, der folglich nach umfassender Aufklärung durch den Arzt seine informierte Zustimmung zu einer Transplantation geben muß. Zum anderen ist das Recht auf Lebensschutz konstitutiver Bestandteil der Menschenwürde.

Das Berufsethos des Arztes: Das Berufsethos des Arztes verpflichtet ihn dazu, das Prinzip des Nicht-Schadens zu beachten. Der Arzt hat insofern die Verantwortung, die Therapieform anzuwenden, die bei dem potentiell größtmöglichen Nutzen das geringste medizinische Risiko beinhaltet. Er ist dabei aber nicht nur dem konkret vorfindlichen Patienten verpflichtet, sondern hat in sein Handeln auch Erwägungen der öffentlichen Gesundheit einzubeziehen.