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Das Schwert der Wahrheit 1 - Das erste Gesetz der Magie

von: Terry Goodkind

Blanvalet, 2010

ISBN: 9783641049539 , 1088 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


  • Die Erwählte - Die Tochter des Magiers
    Jenseits der Schatten - Roman
    Die Gefährtin - Die Tochter des Magiers
    Die Diebin - Die Tochter des Magiers
    Renegat - Der Sohn des Sehers
    Das Schwert der Wahrheit 3 - Die Günstlinge der Unterwelt
    Das Schwert der Wahrheit 2 - Die Schwestern des Lichts
    Lichtträger - Der Sohn des Sehers
  • Nomade - Der Sohn des Sehers
    Das Lied von Eis und Feuer 04 - Die Saat des goldenen Löwen
    Blutkind - Die Rachel-Morgan-Serie 7 - Roman

     

     

     

     

     

     

 

Mehr zum Inhalt

Das Schwert der Wahrheit 1 - Das erste Gesetz der Magie


 

Die Schlingpflanze sah merkwürdig aus. Düstere, vielgestaltige Blätter wucherten um einen Stengel, der sich in einem Würgegriff um den glatten Stamm einer Balsamtanne wand. Harz sickerte aus der geschundenen Borke, und trockenes Geäst hing schlaff herab, so daß der Eindruck entstand, der Baum versuche, in der feuchtkühlen Morgenluft einen Klagelaut anzustimmen. Entlang der Schlingpflanze ragten hier und dort Schoten heraus, die beinahe argwöhnisch nach Zeugen Ausschau zu halten schienen.
Der Geruch war es, der zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hatte, ein Geruch, als würde etwas verwesen, das selbst in lebendigem Zustand vollkommen ungenießbar gewesen wäre. Richard fuhr sich mit dem Fingerkamm durch sein dichtes Haar, während seine Gedanken aus dem Dunst der Verzweiflung aufstiegen und angesichts der Schlingpflanze an Schärfe gewannen. Er sah sich nach weiteren um, entdeckte jedoch keine. Alles andere sah normal aus. Die Ahornbäume des oberen Ven Forest hatten bereits den ersten Anflug von Karminrot angenommen und protzten im leichten Wind stolz mit ihrem neuen Kleid. Bei den kälter werdenden Nächten würde es nicht mehr lange dauern, bis ihre Vettern unten in den Wäldern Kernlands es ihnen gleichtun würden. Die Eichen, die als letzte vor der Jahreszeit kapitulierten, trugen noch immer unerschütterlich ihr dunkelgrünes Blätterkleid.
Richard hatte den größten Teil seines Lebens in den Wäldern verbracht und kannte alle Pflanzen, wenn nicht beim Namen, so doch vom Aussehen her. Von Jugend an hatte sein Freund Zedd ihn auf die Suche nach besonderen Kräutern mitgenommen. Er hatte Richard gezeigt, nach welchen man suchen mußte, wo sie wuchsen und warum, und die beiden hatten allem, was sie sahen, Namen gegeben. Oft hatten sie sich auf ihren Wanderungen nur unterhalten. Der Alte hatte ihn immer wie seinesgleichen behandelt und ebenso viele Fragen gestellt wie beantwortet. Zedd war es, der Richards Wissensdurst und Lerneifer geschürt hatte.
Diese Schlingpflanze hatte er jedoch erst ein einziges Mal zuvor gesehen, und das war nicht in den Wäldern gewesen. Einen Zweig davon hatte er im Haus seines Vaters gefunden, in der blauen Tonvase, die Richard ihm als kleiner Junge getöpfert hatte. Sein Vater war Händler gewesen und auf der Suche nach exotischen und seltenen Dingen viel gereist. Begüterte Leute hatten ihn oft aufgesucht, interessiert, was er zutage gefördert haben mochte. Es schien, als hätte ihm das Suchen mehr gelegen als das Finden, denn immer hatte er sich freudig von seiner neuesten Entdeckung getrennt und sich gleich auf die Suche nach der nächsten gemacht.
Von klein auf hatte Richard seine Zeit gerne in Zedds Gesellschaft verbracht, wenn sein Vater unterwegs war. Richards Bruder Michael war ein paar Jahre älter und zog es vor, seine Zeit mit den Reichen zu verbringen, da er sich weder für die Wälder noch für Zedds weitschweifige Vorträge interessierte. Vor ungefähr fünf Jahren war Richard fortgezogen, um allein zu leben. Dennoch besuchte er seinen Vater häufig zu Hause, im Gegensatz zu Michael, der ständig beschäftigt war und dem selten Zeit dafür blieb. War sein Vater fortgegangen, so hinterließ er Richard in der blauen Vase eine Nachricht, um ihm die neuesten Neuigkeiten und den neuesten Tratsch über irgendetwas mitzuteilen.
Auf den Tag vor drei Wochen war Michael gekommen und hatte ihm mitgeteilt, daß man ihren Vater ermordet hätte. Michael hatte beteuert, es gäbe keinen Grund, zum Hause seines Vaters zu gehen, er könne ohnehin nichts tun, trotzdem hatte Richard es getan. Er war längst aus dem Alter raus, in dem er machte, was sein Bruder sagte. Die Leute dort wollten ihm den Anblick ersparen und weigerten sich, ihm die Leiche zu zeigen. Trotzdem sah er überall auf dem Dielenboden die großen, braunen, getrockneten und ekelerregenden Blutspritzer und -lachen. Als Richard hinzutrat, verstummten die Stimmen, es sei denn, um ihr Beileid auszusprechen, v^as den reißenden Schmerz nur noch vertiefte. Dennoch hatte er mitbekommen, wie sie sich mit gedämpfter Stimme die Geschichten und wilden Gerüchte über das erzählten, was aus dem Grenzgebiet kam.
Über Magie.
Richard war schockiert, als er sah, in welchem Zustand sich das kleine Haus seines Vaters befand, ganz so, als hätte drinnen ein Sturm getobt. Nur wenig war verschont geblieben, doch die blaue Nachrichtenvase stand immer noch auf dem Bord, und darin fand er den Zweig der Schlingpflanze. Er hatte ihn immer noch in der Tasche. Was sein Vater ihm damit hatte sagen wollen, wußte er nicht.
Gram und Niedergeschlagenheit überwältigten ihn, und er fühlte sich verlassen, obwohl er noch seinen Bruder hatte. Er war zwar zum Mann herangereift, aber auch das half ihm nicht gegen die Verlorenheit des Waisenkindes, das ganz allein auf der Welt war. Dieses Gefühl hatte er bereits als kleiner Junge beim Tod seiner Mutter kennengelernt. Auch wenn sein Vater häufig, manchmal wochenlang unterwegs war, so wußte Richard doch immer, daß es ihn gab und daß er wiederkommen würde. Jetzt nicht mehr.
Auf keinen Fall wollte Michael, daß er sich in die Suche nach dem Mörder einmischte. Er sagte, er hätte die besten Spurenleser der Armee ausgeschickt, und es sei nur zu Richards Bestem, wenn er sich raushalte. Also hatte Richard Michael den Zweig einfach nicht gezeigt und war jeden Tag allein losgezogen, um die Schlingpflanze zu suchen. Drei Wochen lang war er die Pfade der Wälder Kernlands abgewandert, über jeden einzelnen, selbst die, von denen kaum jemand anders wußte. Aber gesehen hatte er sie nie.
Schließlich gab er wider besseres Wissen dem Raunen in seinem
Kopf nach und stieg in den oberen Ven Forest nahe der Grenze hinauf. Das Raunen verfolgte ihn mit dem Gefühl, daß er etwas über den Grund für die Ermordung seines Vaters wußte. Es lag ihm in den Ohren, quälte ihn mit Gedanken, die sich seinem Zugriff zu entziehen schienen, und verlachte ihn, weil er es nicht sah. Richard redete sich ein, es sei bloß sein Kummer, der ihm einen Streich spiele, und nichts Wirkliches.
Er hatte geglaubt, die Schlingpflanze würde ihm irgendeine Antwort bieten, wenn er sie fand. Jetzt hatte er sie gefunden und wußte auch nicht weiter. Das Raunen lag ihm nicht mehr in den Ohren, es lastete schwer auf ihm. Er wußte, es waren nur seine eigenen Gedanken, und er verbot sich, dem Raunen ein Eigenleben zuzugestehen. Zedd hatte ihn schließlich eines Besseren belehrt.
Richard blickte an der großen Fichte in ihrer Todesqual hinauf. Er mußte wieder an den Tod seines Vaters denken. Die Schlingpflanze war dabeigewesen. Und jetzt tötete die Schlingpflanze diesen Baum. Sie konnte nichts Gutes bedeuten. Für seinen Vater konnte er zwar nichts mehr tun, trotzdem brauchte er nicht zuzulassen, daß die Schlingpflanze einen weiteren Mord beging. Er packte sie fest, riß mit seinen kräftigen Muskeln daran und zerrte die sehnigen Schlingen vom Stamm.
In diesem Augenblick biß die Schlingpflanze zu.
Eine der Hülsen schlug aus und traf ihn am linken Handrücken; vor Schmerz und Überraschung sprang er zurück. Er untersuchte die Wunde und entdeckte eine Art Dorn, tief im Fleisch des klaffenden Schnitts. Die Sache war entschieden. Die Schlingpflanze bedeutete Ärger. Er griff nach seinem Messer, um den Dorn herauszuschneiden, aber es war nicht da. Erst wunderte er sich, dann fiel ihm ein, warum. Er ärgerte sich, weil er wegen seiner Niedergeschlagenheit etwas so Wichtiges wie das Messer vergessen hatte. Er versuchte, den Dorn mit den Fingernägeln herauszuziehen. Zu seiner wachsenden Besorgnis bohrte sich der Dorn zappelnd tiefer, als wäre er lebendig. Er kratzte mit dem Daumennagel über die Wunde und versuchte, den Dorn herauszufischen. Je kräftiger er kratzte, desto tiefer bohrte er sich hinein. Als er an der Wunde riß, um sie zu weiten, durchflutete ihn eine heiße Welle der Übelkeit, und er ließ es sein. Der Dorn war im hervorsickernden Blut verschwunden.
Richard sah sich um und entdeckte die herbstlich violettroten Blätter eines kleinen Holunderbaumes, der schwer an der Last seiner dunkelblauen Beeren trug. Unter dem Baum, eingebettet in einer Wurzelhöhle, fand er, was er suchte: eine blutstillende Pflanze. Erleichtert rupfte er den zarten Stiel dicht über seinem unteren Ende ab und drückte vorsichtig die klebrige, klare Flüssigkeit auf den Einstich. Lächelnd dachte er an den alten Zedd, der ihm die Heilpflanze gezeigt hatte. Jedesmal beim Anblick dieser weichen, pelzigen Blätter mußte Richard an Zedd denken. Der Saft der Pflanze betäubte die Wunde, beruhigte jedoch nicht seine Besorgnis darüber, daß er den Stachel nicht herausziehen konnte. Er spürte, wie der sich immer tiefer in sein Fleisch arbeitete.
Richard hockte sich hin und bohrte mit dem Finger ein Loch in den Boden, steckte die Pflanze hinein und befestigte rings um den Stengel Moos, damit sie nachwachsen konnte.
Die Geräusche des Waldes wichen völliger Stille. Richard sah auf und zuckte zusammen. Ein dunkler Schatten huschte über den Boden, sprang über Blätter und Aste hinweg. Oben in der Luft ertönte ein pfeifendes Rauschen. Die Größe des Schattens war beängstigend. Vögel wurden aus dem Schutz der Bäume aufgeschreckt und stießen Warnschreie aus, während sie in alle Richtungen davonstoben. Richard hob den Kopf und versuchte, unter dem Himmel aus Grün und Gold den Ursprung des Schattens auszumachen. Einen Augenblick lang sah er etwas Großes. Etwas Großes und Rotes. Er hatte keine Vorstellung, was das sein mochte, doch dann erinnerte er sich an all die Gerüchte und Geschichten über das Grenzgebiet, und die ließen ihn bis ins Mark erstarren.
Wenn die Schlingpflanze Ärger bedeutete, dann erst recht dieses Ding am Himmel. Er mußte an das Sprichwort denken: »Aller Ärger zeugt drei Kinder«, und augenblicklich wußte er, dem dritten wollte er auf keinen Fall begegnen.
Er schüttelte seine Angst ab und fing an zu rennen. Alles müßiges Geschwätz abergläubischer Menschen, redete er sich ein. Er versuchte, sich vorzustellen, was so groß, so groß und rot sein konnte. Unmöglich; nichts, was flog, war so gewaltig. Vielleicht war es eine Wolke, oder das Licht spielte ihm einen Streich. Aber er konnte sich nichts weismachen. Das war keine Wolke.
Im Laufen sah er hoch, wollte noch einen Blick darauf werfen. Er hielt auf den Pfad zu, der die Flanke des Hügels säumte. Auf der anderen Seite des Pfades fiel das Gelände schroff ab, und von dort hatte er einen ungehinderten Blick auf den Himmel. Äste, regennaß vom Vorabend, peitschten ihm ins Gesicht, während er durch den Wald hastete, über gefallene Bäume und schmale, steinige Bäche hinweg. Gestrüpp zerrte an seinen Hosenbeinen. Das Sonnenlicht bildete scheckige Muster auf dem Boden, und er sah auf, doch das Blätterwerk versperrte ihm die Sicht. Sein Atem ging schnell, abgehackt, kalter Schweiß lief ihm übers Gesicht. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er achtlos den Hügel hinabhastete. Endlich stolperte er zwischen den Bäumen hervor auf den Pfad und wäre beinahe gestürzt.
Er suchte den Himmel ab und entdeckte das Ding. Es war zu weit entfernt und zu klein. Unmöglich zu sagen, was es war, aber er meinte, Flügel zu erkennen. Er blinzelte in den strahlend blauen Himmel, schirmte die Augen mit der Hand ab und versuchte, sich zu vergewissern, ob sich dort tatsächlich Flügel bewegten. Es glitt hinter einen Hügel und war verschwunden. Er hatte nicht einmal feststellen können, ob es wirklich rot war.
Außer Atem ließ sich Richard auf einen Granitbrocken am Wegesrand fallen und japste nach Luft. Gedankenverloren brach er tote Zweige von einem jungen Bäumchen neben sich ab und starrte hinunter zum Trunt Lake. Vielleicht sollte er zu Michael gehen und ihm erzählen, was er gesehen hatte, von der Schlingpflanze und diesem roten Ding am Himmel. Über letzteres würde Michael nur lachen, das wußte er. Er hatte selbst schon über diese Geschichten gelacht.
Nein, wahrscheinlich wäre Michael nur verärgert, weil er sich so nahe ans Grenzgebiet herangewagt und gegen die Anordnung verstoßen hatte, sich aus der Suche nach dem Mörder seines Vaters herauszuhalten. Sein Bruder sorgte sich um ihn, sonst hätte er nicht ständig etwas an ihm auszusetzen. Jetzt, als Erwachsener, konnte er die ständigen Ermahnungen mit einem Lachen abtun. Die mißbilligenden Blicke ersparte ihm das allerdings nicht.
Richard brach einen weiteren Zweig ab und warf damit niedergeschlagen nach einem flachen Stein. Eigentlich brauchte er sich nicht ausgeschlossen zu fühlen. Schließlich sagte sein Bruder Michael ständig allen, was sie zu tun hatten, sogar seinem Vater.
Er verwarf das harte Urteil über seinen Bruder. Heute war Michaels großer Tag. Heute übernahm er das Amt als Oberster Rat. Damit übernahm er für alles die Verantwortung, nicht mehr nur über die Stadt Kernland, sondern über alle Orte und Dörfer in Westland und sogar die Menschen auf dem Land. Er war für alles und jeden verantwortlich. Michael hatte Richards Unterstützung verdient, er brauchte sie. Auch Michael hatte seinen Vater verloren.
An diesem Nachmittag sollte in Michaels Haus eine Zeremonie und ein großes Fest abgehalten werden. Wichtige Leute würden aus den entferntesten Winkeln Westlands angereist kommen. Auch Richard wurde erwartet. Wenigstens gab es dort reichlich und gut zu essen. Er merkte, wie ausgehungert er war.
Während er dasaß und nachdachte, ließ er seinen Blick über das andere Ufer des Trunt Lake weit unten schweifen. Im klaren Wasser konnte er aus dieser Höhe das Nebeneinander von felsigem Grund und grünem Unkraut rings um die tiefen Stellen sehen. Entlang des Ufers wand sich der Händlerpfad durch die Bäume, lag an manchen Stellen offen da, an anderen war er dem Auge verborgen. Richard war diesen Abschnitt des Pfades oft entlanggegangen. Im Frühjahr war es unten am See feucht und schlammig, aber so spät im Jahr dürfte es trocken sein. An bestimmten Stellen weiter südlich und nördlich führte der Weg auf seinem verschlungenen Pfad durch den Ven Forest unangenehm nah an der Grenze vorbei. Aus diesem Grund mieden ihn die meisten Reisenden und wählten statt dessen die Wege durch die Wälder Kernlands. Richard war Waldführer und geleitete Reisende sicher durch diese Wälder. Meist handelte es sich um umherreisende Würdenträger, denen das Ansehen eines Führers wichtiger war als dessen Arbeit.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung. Vielleicht sein Freund Chase. Wer außer einem Grenzposten sollte hier oben herumwandern?
Er sprang von dem Felsen, schleuderte die Äste zur Seite und trat ein paar Schritte vor. Das war nicht Chase, das war eine Frau. Eine Frau in einem Kleid. Welche Frau würde so weit ab von allem durch den Ven Forest laufen, noch dazu in einem Kleid? Richard beobachtete, wie sie am Seeufer entlanglief und immer wieder zwischen den Bäumen verschwand. Sie schien es nicht eilig zu haben, aber Schlendern konnte man das auch nicht gerade nennen. Eher bewegte sie sich im wohlbedachten Tempo eines erfahrenen Reisenden. Das machte Sinn. In der Nähe des Trunt Lake lebte niemand.
Eine weitere Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Richard suchte die im Schatten liegenden Stellen ab. Hinter ihr folgte noch jemand. Drei, nein, vier Männer in Waldgewändern mit Kapuzen verfolgten sie, blieben jedoch auf Distanz. Sie bewegten sich verstohlen, sprangen von Fels zu Baum. Schauten. Warteten ab. Gingen weiter. Richard reckte den Hals, die Augen aufgerissen, seine Aufmerksamkeit gefesselt.
Die Männer verfolgten sie.
Sofort wußte er: Das war das dritte Kind des Ärgers.

2. Kapitel
Zuerst blieb Richard wie erstarrt stehen und wußte nicht, was er tun sollte. Er konnte nicht sicher sein, ob die vier Männer tatsächlich hinter der Frau her waren. Oder doch erst, wenn es zu spät war. Was ging es ihn überhaupt an? Außerdem hatte er sein Messer nicht bei sich. Welche Chance hatte ein Unbewaffneter gegen vier andere? Er beobachtete, wie die Frau den Pfad entlangging und die Männer ihr folgten.
Welche Chance hatte die Frau?
Er ging in die Hocke. Sein Herz klopfte, während er überlegte, was er tun konnte. Die Morgensonne brannte auf sein Gesicht, sein Atem raste vor Angst. Irgendwo vor der Frau zweigte eine kleine Abkürzung vom Händlerpfad ab. Gehetzt dachte er nach, wo genau. Der Hauptweg führte um den See herum und den Hügel zu seiner Linken hinauf, von wo aus er sie beobachtete. Blieb sie auf dem Hauptweg, konnte er auf sie warten und sie vor den Männern warnen. Und dann? Außerdem war der Weg zu weit. Die Männer hätten sie vorher eingeholt. In seinem Kopf nahm eine Idee Gestalt an. Er sprang auf und rannte den Hügel hinab.
Wenn er sie vor der Abkürzung abfing, konnte er mit ihr an der Gabelung rechts hinaufgehen. Dieser Pfad führte aus dem Wald hinaus auf offene Felsgesimse, fort von der Grenze und hin zum Ort Kernland, wo es Hilfe gab. Wenn sie sich beeilten, konnte er ihre Spuren verwischen. Die Männer würden nicht wissen, daß die beiden den Nebenweg genommen hatten. Sie würden glauben, die Frau befände sich noch immer auf dem Hauptweg, zumindest eine Zeitlang, lange genug, um sie in die Irre zu führen und die Frau in Sicherheit zu bringen.
Immer noch außer Atem von seinem vorherigen Gehetze, rannte Richard keuchend, nach Luft ringend, den Pfad hinab, so schnell er konnte. Der Pfad war sofort wieder zwischen den Bäumen verschwunden, er brauchte sich also nicht zu sorgen, daß die Männer ihn sahen. Sonnenstrahlen drangen durch das grüne Dach über ihm. Alte Fichten säumten den Pfad, deren Nadeln einen weichen, die Schritte dämpfenden Bodenbelag bildeten. Er hörte das Blut in seinen Ohren pochen.
Nachdem er eine Weile Hals über Kopf den Pfad hinuntergestürzt war, begann er nach der Gabelung zu suchen. Er war nicht sicher, wie weit er gelaufen war. Der Wald bot keine Anhaltspunkte, und er wußte nicht mehr, wo sich die Abzweigung genau befand. Sie war schmal und leicht zu verfehlen. Hinter jeder Biegung keimte neue Hoffnung auf, hier mußte es sein. Er zwang sich, weiterzulaufen. Er überlegte, was er der Frau erzählen sollte, wenn er sie erreicht hatte. Seine Gedanken rasten ebenso schnell wie seine Beine. Vielleicht dachte sie, er gehörte zu den Männern, vielleicht hatte sie Angst vor ihm oder glaubte ihm nicht. Viel Zeit würde er nicht haben.
Er erreichte den Kamm einer kleinen Erhebung, suchte von neuem nach der Abzweigung, fand sie nicht und rannte weiter. Er keuchte unregelmäßig. Wenn er die Gabelung nicht vor ihr erreichte, säßen sie in der Falle, und ihre einzige Alternative bestünde darin, den Männern davonzulaufen oder zu kämpfen. Für beides war er zu sehr außer Atem. Der Gedanke daran trieb ihn noch schneller voran. Schweiß rann ihm über den Rücken, das Hemd klebte an seiner Haut. Die Kühle des Morgens schien sich in stickige Hitze verwandelt zu haben, doch das lag nur an seiner Anstrengung. Der Wald rechts und links verschwamm undeutlich.
Kurz vor einem scharfen Knick nach rechts erreichte er endlich die Gabelung. Fast hätte er sie verfehlt. Rasch suchte er nach Spuren, um zu sehen, ob sie bereits dagewesen und den Seitenweg gegangen war. Es gab keine. Ein Gefühl der Erleichterung überkam ihn. Er ließ sich auf die Knie fallen, setzte sich erschöpft auf die
Hacken und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Das hatte schon mal geklappt. Er war vor ihr hier. Jetzt mußte er sie noch dazu bringen, ihm zu glauben, bevor es zu spät war.
Er rang immer noch nach Atem und stemmte seine Rechte in die schmerzhaften Seitenstiche, als ihn plötzlich die Sorge überkam, er könnte sich lächerlich machen. Was, wenn sie nur ein Spiel mit ihren Brüdern spielte? Er wäre blamiert. Alle außer ihm hätten was zu lachen.
Er betrachtete den Einstich auf seinem Handrücken. Er leuchtete rot und pochte schmerzhaft. Das Ding am Himmel fiel ihm wieder ein: Er mußte an ihre Art zu gehen denken: zielstrebig, nicht wie ein Kind, das spielt. Er erinnerte sich an die nackte Angst, die er beim Anblick der Männer verspürt hatte. Vier Männer, die verstohlen eine Frau verfolgten: das dritte seltsame Geschehen dieses Morgens. Das dritte Kind des Ärgers. Nein. Er schüttelte den Kopf. Ein Spiel war das nicht. Er wußte, was er gesehen hatte. Ein Spiel war das nicht. Sie verfolgten die Frau.
Richard richtete sich halb auf. Sein Körper verströmte Hitzewellen. Die Hände auf die Knie gestützt, atmete er ein paarmal tief durch, bevor er sich wieder zur vollen Größe aufrichtete.
Sein Blick fiel auf die junge Frau, die vor ihm um die Biegung kam. Einen Augenblick lang stockte ihm der Atem. Ihr volles, braunes Haar, üppig und lang, betonte die Umrisse ihres Körpers. Sie war groß, fast so groß wie er, und ungefähr im gleichen Alter. Ihr Kleid glich nichts, was er je zuvor gesehen hatte. Es war fast weiß, am Hals viereckig ausgeschnitten. Der kleine, braune Lederbeutel, den sie trug, wirkte fast wie ein Fleck. Der Stoff des Kleides war fein und glatt gewebt, schimmerte beinahe. Es hatte keine Spitzen oder Rüschen, wie man es gewohnt war, keine Muster oder Farben, die davon ablenkten, wie es ihren Körper umschmeichelte. Es wirkte elegant in seiner Schlichtheit. Die langen, anmutigen Falten, die ihr wie einer Königin hinterherwehten, sammelten sich um ihre Beine, als sie stehenblieb.
Richard trat auf sie zu und blieb drei Schritte vor ihr stehen, um nicht bedrohlich zu wirken. Aufrecht und regungslos stand sie da, die Arme an den Seiten. Ihre Brauen schwangen sich anmutig wie ein Raubvogel im Flug. Sie sah ihn furchtlos aus ihren grünen Augen an. Das Zusammentreffen schien ihm jedes Selbstgefühl zu rauben. Es kam ihm vor, als hätte er sie schon immer gekannt, als sei sie immer ein Teil von ihm gewesen, als seien ihre Bedürfnisse die seinen. Sie hielt ihn mit ihrem Blick so fest wie mit eisenhartem Griff, schien in seinen Augen nach seiner Seele oder einer Antwort auf etwas zu suchen. In ihrer Gegenwart fühlte er sich einsamer als je zuvor. Ich bin hier, um dir zu helfen, sagte er in Gedanken. Er meinte es mehr als jeden anderen Gedanken, den er je gehabt hatte.
Die Spannung ihres Blickes löste sich und lockerte den Griff, mit dem sie ihn hielt. In ihren Augen entdeckte er etwas, das ihn mehr anzog als alles andere. Intelligenz. Er sah sie dort aufleuchten, in ihr glühen, und durch alles hindurch spürte er ein alles beherrschendes Gefühl der Wahrheit. Richard fühlte sich geborgen.
In seinen Gedanken blitzte eine Warnung auf, die ihn daran erinnerte, weshalb er hier war: Zeit war kostbar.
»Ich war dort oben«, damit zeigte er auf den Hügel, von dem aus er sie das erste Mal erblickt hatte, »und hab' dich gesehen.« Sie blickte in die angegebene Richtung. Er tat es ebenfalls und bemerkte, wie er auf ein Dickicht aus Ästen zeigte. Der Hügel war von hier aus nicht zu erkennen. Die Bäume versperrten die Sicht. Stumm senkte er den Arm und versuchte, den Fehler zu überspielen. Sie sah ihm in die Augen und wartete.
Richard setzte erneut an und hielt seine Stimme gesenkt. »Ich war dort oben auf dem Hügel oberhalb des Sees. Ich habe gesehen, wie du den Pfad am Seeufer entlanggegangen bist. Ein paar Männer verfolgen dich.«
Sie verriet keine Regung, sah ihm nur weiter in die Augen. »Wie viele?«
Er fand ihre Frage seltsam, beantwortete sie aber. »Vier.«
Sie wurde blaß.
Sie drehte den Kopf, suchte den Wald hinter sich ab und ließ den Blick kurz über die Schatten gleiten, bevor sie ihn wieder ansah und seine Augen suchte. »Möchtest du mir helfen?« Abgesehen von der Blässe, verrieten ihre feinen Gesichtszüge keine Regung.
Bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte er sich sagen: »Ja.«
Die Anspannung auf ihrem Gesicht löste sich. »Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«
»Es gibt einen kleinen Pfad, der hier abzweigt. Wenn wir ihn nehmen und die Männer auf dem anderen bleiben, können wir entkommen.«
»Und wenn nicht? Wenn sie unserem Pfad folgen?«
»Ich werde unsere Spuren verwischen.« Er schüttelte den Kopf, um sie zu beruhigen. »Sie werden uns nicht folgen. Hör zu, wir haben keine Zeit ...«
»Und wenn doch?« schnitt sie ihm das Wort ab. »Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«
Einen Augenblick lang betrachtete er ihr Gesicht. »Sind sie gefährlich?«
Sie erstarrte. »Sehr.«
So, wie sie das Wort aussprach, lief es ihm eiskalt den Rücken runter. Für einen kurzen Augenblick sah er einen Ausdruck blanken Entsetzens in ihren Augen.
Richard strich sich das Haar zurück. »Also schön, der kleine Pfad ist schmal und steil. Sie können uns nicht einkreisen.«
»Bist du bewaffnet?«
Er schüttelte nur den Kopf und ärgerte sich viel zu sehr über sich selbst, um es laut auszusprechen.
Sie nickte. »Dann sollten wir uns beeilen.«
Sie sprachen kein Wort mehr, nachdem der Entschluß gefallen war. Sie wollten ihren Standort nicht verraten. Richard verwischte hastig
ihre Spuren und gab ihr ein Zeichen, sie solle vorgehen, damit er sich zwischen ihr und den Männern befand. Sie zögerte keinen Augenblick. Die Falten ihres Kleides wehten ihr nach, als sie auf seinen Wink in raschem Schritt losging. Das üppige, junge Immergrün des Ven Forest machte den Pfad zu einem schmalen, dunklen, aus Gestrüpp und Ästen gehauenen grünen Hohlweg. Ringsum war nichts zu erkennen.
Richard schaute sich im Gehen um, obwohl er nicht weit sehen konnte. Zumindest in dem Abschnitt, den er überblicken konnte, war die Luft rein. Sie ging zügig, auch ohne daß er sie dazu auffordern mußte.
Nach einer Weile wurde das Gelände steiler und felsiger, der Baumbestand lichter und bot freiere Sicht. Der Pfad wand sich durch tiefe, schattige Einschnitte im Gelände und durch laubübersäte Schluchten. Trockenes Laub wirbelte unter ihren Schritten auf. Pinien und Fichten wichen Laubhölzern, größtenteils Birken, deren Geäst über ihren Köpfen schwankte und das karge Sonnenlicht auf dem Boden zum Tanzen brachte. Die dunklen Flecken auf den weißen Birkenstämmen erweckten den Eindruck, als verfolgten Hunderte von Augen den Vorbeimarsch der beiden. Bis auf zwei Raben war es an diesem Ort sehr still und friedlich.
Am Fuß einer Granitwand, der der Pfad folgte, gab er ihr ein Zeichen. Er legte die Finger an die Lippen und gab ihr zu verstehen, daß sie vorsichtig auftreten mußten, um Geräusche zu vermeiden, deren Echo ihren Standort verraten könnte. Jeder Schrei der Raben war als Widerhall zwischen den Hügeln zu hören. Richard kannte diesen Ort. Die Form der Felswand trug jedes Geräusch meilenweit. Er zeigte auf die moosbedeckten, runden Steine, die über den flachen Waldboden verstreut lagen. Er wollte, daß sie über diese Steine gingen, um auf keine unter dem Laub verborgenen Äste zu treten. Er wischte ein paar Blätter zur Seite, um ihr die dort verborgenen Äste zu zeigen, tat, als zerbreche er einen, hielt dann die hohle Hand an sein Ohr. Sie verstand und nickte, hob ihren Rock mit einer Hand und begann, auf die Steine zu steigen. Durch eine Berührung am Arm brachte er sie dazu, sich noch einmal umzudrehen, und tat, als gleite er aus und stürze, damit sie wußte, sie müsse auf das schlüpfrige Moos achtgeben. Lächelnd nickte sie und eilte weiter. Das Lächeln überraschte ihn. Es wärmte ihn, nahm seiner Angst die Schärfe. Richard schöpfte neue Hoffnung, was ihr Entkommen betraf, während er von einem moosbewachsenen Stein zum nächsten sprang.
Mit dem steten Ansteigen des Pfades lichtete sich zunehmend der Baumbestand. Der Wechsel von Waldboden zu Fels bot den Bäumen immer seltener Gelegenheit, Wurzeln zu schlagen. Bald wuchsen die einzigen Bäume in Felsspalten, knorrige, verdrehte kleine Dinger, als wollten sie dem Wind, der sie aus ihrer spärlichen Verankerung reißen konnte, keinen Halt bieten.
Geräuschlos traten sie zwischen den Bäumen hervor und gelangten auf die Felsvorsprünge. Nicht immer war der Pfad eindeutig gekennzeichnet, und es gab zahlreiche Möglichkeiten, sich zu verlaufen. Oft mußte sie sich zu ihm umdrehen, damit er ihr durch einen Fingerzeig oder ein Nicken den Weg weisen konnte. Richard hätte gerne ihren Namen gewußt, doch aus Angst, die vier Männer könnten ihn hören, schwieg er. Obwohl der Pfad steil und schwierig war, brauchte er ihretwegen nicht langsamer zu gehen. Sie war eine kräftige Kletterin und schnell obendrein. Er bemerkte ihre guten Stiefel aus weichem Leder, wie sie von erfahrenen Reisenden getragen wurden.
Vor gut einer Stunde hatten sie die Bäume hinter sich gelassen, waren steil aufwärts gestiegen, der Sonne entgegen. Sie hielten sich östlich auf dem Felsvorsprung, erst später knickte der Pfad nach Westen ab. Wenn die Männer ihnen folgten, mußten sie in die Sonne blicken, um sie zu sehen. Sie gingen so geduckt wie möglich, und Richard sah während des Anstiegs oft über die Schulter, um nach den Männern Ausschau zu halten.