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Der Spiegelkasten

von: Christoph Poschenrieder

Diogenes, 2013

ISBN: 9783257603132 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

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Der Spiegelkasten


 

[11] 2

Am achtzehnten August 1914 fühlte Ismar Manneberg, nachdem er das dunkle, haarige Ding in seiner Handfläche erkannt hatte, zum ersten Mal, wie sich die Tatze des schwarzen Panthers an seinen Hals legte. Vorsichtig und geradezu zärtlich schwebte sie warm und rauh über der Schlagader, aber sie holte nicht aus und hinterließ von den Krallen nur ein leises Kitzeln. Dabei war die Angst, die er spürte, im Vergleich zu allem, was folgen sollte, lächerlich und gering. Dennoch nahm er sich an diesem Nachmittag vor, eine Methode zu finden, um den schwarzen Panther entweder zu zähmen oder zu verjagen. Nur er konnte diesen Panther sehen; in den verlassenen Dörfern und waldigen Hügeln an der westlichen Landesgrenze, die das Regiment seit Tagen durchstreifte, streunten bestenfalls noch ein paar Hauskatzen herum und zurückgelassene Hunde.

Die Angeber und Draufgänger unter seinen Leuten, die sich seit dem Ausrücken auf einem lustigen Schulausflug glaubten, hatten die endlich erlaubten Ungezogenheiten eingefordert, hatten losstürmen wollen, seit Tagen schon, nur immer mit Schwung hinein in Wald und Buschwerk, den Feind wie die Maikäfer aus den Bäumen schütteln und unter schweren Stiefeln und Jubelgeschrei zertreten. Warum schickte sie ihr Leutnant Manneberg nicht auf [12] Streifpatrouillen, warum dieses ängstliche Herumtappen, warum kämpften alle anderen, nur sie nicht? Von Norden und von Süden hörte man doch ständig Gefechtslärm, dort war der Krieg, dort wollten sie hin. Sie flehten den ersten, ihnen bisher verweigerten Schuss geradezu herbei.

Aber Manneberg, bedacht auf Befehl und Gehorsam, hatte immer nur gesagt: »Der fällt früh genug.«

Der erste Schuss: bloß ein Stückchen Metall, das durch die heiße Luft eines Augustnachmittages sirrte, um jemandem das Liebste zu nehmen, den Versorger, den Freund. Es war eine balle D, solides, stumpfrot glänzendes Messing, acht Millimeter im Durchmesser, ein elegantes Ding, das dem Rumpf einer flinken Segeljacht glich. Es kam als ein Hartes, das ein Weiches suchte, um es zu durchdringen, ein Sprödes, um es zu zerbrechen, ein Atmendes, um ihm die Luft zu nehmen.

Als der Schuss fiel, in Mittersheim im deutsch-lothringischen Grenzgebiet, traf er den Infanteristen Kinateder; dort, wo Manneberg ihn hinbefohlen hatte, unter einen Torbogen, um den tastenden Vormarsch durch das menschenleere Städtchen zu sichern. Der Helm des Infanteristen fiel geräuschlos aufs Pflaster. Sekunden später glaubte einer das Aufblitzen eines Zielfernrohres gesehen zu haben, schrie Franktireur! Dann schoss die ganze Mannschaft, in Fenster, durch Türen, über den Kanal, in den Wald, in blinde Gassen, bis sie nichts mehr hatten und bis Mannebergs Befehle, das Feuer verdammt noch mal einzustellen, endlich durchdrangen.

Die Stille kam zurück, die Schatten wurden blau und lang. Die Pflastersteine strahlten die Wärme ab, die sie den [13] Tag über aufgesogen hatten. Jetzt schwiegen die Angeber zwar, aber sie reinigten ihre Waffen und füllten die Munitionstaschen auf, für das nächste Abenteuer. Andere umklammerten noch immer mit kalten Händen die Gewehre. Manneberg ging herum, klopfte auf Schultern, teilte Zigaretten aus, zeigte beste Laune, sprach Mut denen zu, die es nötig zu haben schienen; verwarnte den, der zuerst gefeuert hatte. Manneberg trug Verantwortung für seine paar Leute: nur ein Zug, und nur als Leutnant der Reserve. Doch was hieß schon »nur« – für einen wie ihn war schon dieser niedrigste Offiziersrang Grund zum Stolz gewesen. Und er war in den Übungen ein guter Reserveoffizier gewesen. Da war wohl anzunehmen, dass er ein guter Soldat im Krieg sein würde.

Ein Photograph in Zivil kam atemlos herangelaufen. »Die Division schickt mich die ersten Gefechte zu dokumentieren«, sagte er.

»Das war kein Gefecht«, sagte Manneberg, »nur ein Heckenschütze.«

Der Infanterist Kinateder lehnte sitzend an einer Hauswand, döste mit hängendem Kopf. »Streifschuss«, hatte der Sanitäter nach flüchtigster Untersuchung etwas enttäuscht gesagt, »der wollte dir nur einen neuen Scheitel ziehen.« Der Kinateder hatte es selbst kaum bemerkt, hatte geglaubt, es hätte ihm nur den Helm vom Kopf gefegt, und hatte den herumtastenden Sanitäter kaum geduldet. Er war ein Kriegsfreiwilliger, braungebrannt, vor drei Wochen hatte er noch Heu eingefahren. Er wäre noch nicht eingezogen worden, aber als fünfter oder sechster Sohn eines Bauern gab es nichts zu erben. Knecht unter seinem ältesten Bruder konnte er [14] werden – oder Held sein, Weihnachten wieder daheim sein, mit kühnen Geschichten und Orden an der Uniform.

»Sicher doch, ihr habt einen Verwundeten«, sagte der Photograph und zeigte auf den Kinateder, »das genügt mir.«

Er übernahm jetzt das Kommando: Manneberg solle sich dort neben dem Brunnen hinknien, einen Fuß aufgesetzt, den Kopf des Verwundeten in den Schoß betten und eine Feldflasche an seine Lippen halten, so, als gebe er ihm zu trinken. Mit Hilfe zweier Sanitäter brachte er den Kinateder in die geforderte Pose. Der ließ es passieren, wie eine große, biegsame Puppe. Mit der linken Hand stützte Manneberg den Hinterkopf des Jungen. Er fühlte blutverklebtes Haar. Der Photograph wies ihn mit großen Gesten ein und baute gleichzeitig seinen Apparat auf, dauernd plappernd.

»Fabelhaft! Knöpfen Sie die Jacke etwas auf. Großartige Truppe seid ihr. Das Hosenbein in den Stiefelschaft. Kameradschaft über die Ränge hinweg! Noch eine Locke in die Stirn. Und die Feldflasche höher!«

Er verschwand unter dem Tuch und schob das Stativ herum. Es sah komisch aus, ein Tier mit fünf Beinen. Die Soldaten lachten: »Er versteckt sich. Ganz Zivilist.«

Zwischen Mannebergs Fingern rann eine Flüssigkeit. Er winkte nach einem Sanitäter. Der Photograph warf verärgert sein Tuch auf.

»Bitte Herrn Offizier stillezuhalten, auch den Kopf des jungen Soldaten.«

Kaum hatte Kinateder die Augen geschlossen, wusste Manneberg nicht mehr, welche Farbe sie hatten. Seine Hand zitterte ein wenig, das Wasser tropfte von den Lippen über [15] das Kinn des Jungen in den Kragen, der klare und der rote Fluss vermischten sich ungesehen unter dem Stoff. Er selbst lag hier mit geschlossenen Augen, er sah sich ganz klar, doch da öffnete der Junge die Augen wieder, wenn auch nur halb: braun. – Manneberg hatte grüne Augen.

Der Photograph machte sein Bild, klappte das Stativ zusammen und eilte davon, zur nächsten Heldengeschichte. Die Sanitäter holten endlich den Jungen, der immer träger und schwerer auf Mannebergs Schoß gelastet hatte.

In Mannebergs Handteller blieb etwas zurück. Er zuckte zusammen, als er hinsah, er schüttelte die Hand, als hätte eine haarige Spinne darauf gesessen – und im selben Moment wünschte er, es wäre nur eine Spinne gewesen und nicht das Büschel Haare, das aus einem Fragment Schädeldecke wuchs, so groß wie eine Zweikronenmünze. In der hastigen Bewegung flog das Stückchen Mensch weg.

Er machte zwei, drei Schritte, zuerst in dem absurden Wunsch, das Fragment wieder zu ergreifen und es den Sanitätern nachzutragen, dann um seine Erregung in Bewegung zu erschöpfen. Er tappte vor, zurück, im Kreis, bis der erste Schwung verbraucht, Atem und Puls auf halbwegs normale Frequenzen gefallen waren und er das Gefühl hatte, die stützende Schale seiner Leutnantsuniform schon wieder recht zufriedenstellend und würdig auszufüllen.

Umso überraschender kam der Angriff des Panthers. Er drängte ihn an die nächste Hauswand, zwang ihn in die Hocke und legte ihm die heißen, rauhen Tatzen an den Hals. Er war jetzt auf alles gefasst, das Biest mochte zuschlagen, ihn vernichten. Es brauchte nicht einmal die Krallen auszufahren. Es genügte, dass es da war, ihn packte und auf eine [16] Weise bedrohte, die er in seinem Leben noch nicht gespürt hatte – ein paar Sekunden nur, dann ließ das Biest leise fauchend von ihm ab; ihm blieben ein glühender Kopf und kalte, kribbelnde Finger.

Ismar Manneberg war keiner, der in Bildern dachte oder sprach, eher einer, der versuchte, den Dingen alles Zwei- und Mehrdeutige zu nehmen, der ein Grau lieber als entweder Schwarz oder Weiß sah. Doch der Panther hielt ihn die ganze Weile über im Blick, mit Augen hellgelb wie Glühbirnen, so lange, wie Manneberg auf das Werbeplakat starrte, das gegenüber, neben einer Drogerie klebte und versprach:

Purfinol-Fleckentinctur macht sogar Panther weiß.

Das Lachen, zu dem er Anlass und Ansatz durchaus spürte, sprang nicht an; mehr als ein würgendes Räuspern, ein Freimachen der zugepressten Kehle brachte er nicht zustande. Er stand langsam auf, klopfte den Staub aus der Uniform und ging seinen Burschen suchen, den er in einem Hinterhof mit dem Annähen eines Mantelknopfs beschäftigt fand.

»Hier, halten Sie mal die Flasche. Langsam ausgießen.«

Das Blut des Jungen war aus den Rissen und Furchen des Handtellers und der Finger kaum herauszuwaschen, aber nachdem der Bursche fast die ganze Wasserflasche ausgeleert hatte, fühlte sich Manneberg ausreichend gereinigt. Er trocknete die Hände an der Hose und nahm den Zettel entgegen, den ein Melder gerade brachte: ein Befehl zum Vorrücken auf den Feind.

Manneberg tastete gewohnheitsmäßig nach der silbernen Kette, um die Taschenuhr aus der Weste zu ziehen, die Kette über den Mittelfinger gleiten, den Uhrdeckel aufspringen zu [17] lassen – aber er trug die Armbanduhr mit dem dürren roten Sekundenzeiger, diese neumodische, die er nun mit einer Drehung des Unterarms aus dem Ärmel schob. Jeden Morgen, wenn es...