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Liebesfluchten

von: Bernhard Schlink

Diogenes, 2013

ISBN: 9783257600384 , 304 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

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Liebesfluchten


 

[55] Der Seitensprung

1

Die Freundschaft mit Sven und Paula war meine einzige Ost-West-Freundschaft, die den Fall der Mauer überdauerte. Die anderen endeten bald nach dem Mauerfall. Man verabredete sich immer seltener, und eines Tages wurde die getroffene Verabredung in letzter Minute abgesagt. Man hatte zu viel zu tun: Arbeit suchen, Wohnungen und Häuser sanieren, Steuervorteile nutzen, Geschäfte machen, reich werden, reisen. Davor hatte man im Osten nichts tun können, weil der Staat einen nichts tun ließ, und im Westen nichts tun müssen, weil das Geld aus Bonn so oder so kam. Man hatte Zeit.

Sven und ich lernten uns beim Schachspielen kennen. Ich war im Sommer 1986 nach Berlin gezogen, kannte niemanden und entdeckte an den Wochenenden die Stadt, im Osten wie im Westen. An einem Samstagabend stieß ich in einer Gartenwirtschaft am Müggelsee auf eine Gruppe von Schachspielern, sah einem Endspiel zu und wurde vom Sieger zu einer Partie aufgefordert. Als es dunkel wurde und wir abbrechen mußten, verabredeten wir uns auf den nächsten Samstag zur Fortsetzung.

Mit dem ersten neuen Bekannten beginnt eine Stadt, Heimat zu werden. Auf der Rückfahrt nach Westberlin war die Öde Ostberlins weniger entmutigend, seine [56] Häßlichkeit weniger abweisend. Die hellen Fenster, mal vorhangbunt und mal fernsehblau, mal dicht an dicht in einem Plattenbau und mal einsam in einer Brandmauer, die alten, schwach erleuchteten Fabriken, die breiten Straßen mit den wenigen Autos, die seltenen Gasthäuser – ich sah es und stellte mir vor, Sven wohne hier oder da, arbeite in dieser Fabrik, fahre auf dieser Straße. Ich sah auch mich hier oder da ein und aus gehen, auf dieser Straße fahren, in diesem Gasthaus essen.

Mein zweiter neuer Bekannter in Berlin war ein kleiner Junge mit Schulranzen. Eines Morgens, als ich die große Straße vor meinem Haus überqueren wollte, stand er neben mir, fragte: »Gehste mit mir übern Damm?« und nahm meine Hand. Danach tauchte er immer wieder morgens auf, wenn ich am Rand der Straße darauf wartete, daß die Ampel ein paar hundert Meter weiter rot werden und der Verkehr eine Pause machen würde. Später, als die Mauer gerade gefallen war, reisten Sven und Paula wie die Verrückten nach München, Köln, Rom, Paris, Brüssel, London, jeweils mit Bahn oder Bus und jeweils nachts hin und nachts zurück, um bei zwei Tagen Aufenthalt nur eine Übernachtung zahlen zu müssen. Während der Reisen gaben sie ihre Tochter Julia bei mir ab, und die beiden Kinder freundeten sich miteinander an. Sie war noch im Kindergarten und voll Bewunderung für den Erstkläßler, er war ein bißchen geniert vom Umgang mit dem kleinen Mädchen und zugleich von ihrer Bewunderung geschmeichelt. Er hieß Hans, wohnte ein paar Häuser weiter, wo seine Eltern einen Laden für Zeitungen und Zigaretten hatten.

[57] 2

Am nächsten Samstag regnete es. Ich fuhr mit der S-Bahn durch Ostberlin, das noch grauer und leerer war als sonst. Vom Bahnhof Rahnsdorf lief ich an den See; der Regen hörte nicht auf, es war kalt, und meine Hand, die den Schirm hielt, war klamm. Von weitem sah ich, daß die Wirtschaft geschlossen war. Dann sah ich Sven. Er trug dieselbe blaue Latzhose wie am Samstag davor und dieselbe lederne Schiebermütze und sah mit runder Brille im pausbäckigen Gesicht wie ein kindlicher, zutraulicher Revolutionär aus. Er stand in der offenen Tür eines Schuppens, Schachbrett und -figurenkiste zwischen den Füßen, winkte, zuckte mit den Schultern und holte mit den Armen zu einer Geste aus, die bedauernd den Himmel, den Regen, die Pfützen und die geschlossene Wirtschaft umfaßte.

Er war mit dem Auto da und fuhr mit mir zu sich nach Hause. Seine Frau und Tochter seien bei den Großeltern, kämen am Abend zurück, und bis dahin könnten wir ungestört spielen. Dann müsse er seine Tochter ins Bett bringen und ihr eine Geschichte vorlesen, eine halbe Stunde lang, wie jeden Abend. Aber ich könne das auch machen, das Vorlesen, und er koche derweil eine Kleinigkeit für uns. Ob ich auch Kinder hätte? Ich verneinte, und er schüttelte seufzend den Kopf über mein Unglück der Kinderlosigkeit.

Wir wurden auch an diesem zweiten Samstag mit der Partie nicht fertig. Sven überlegte und überlegte. Ich ließ meine Augen wandern. Es gab ein aus hellen Brettern selbstgebautes Bücherregal, eine wuchtige dunkle Anrichte, vier [58] dunkle, zur Anrichte passende Stühle um einen Eßtisch, dessen weißes, an den Rändern mit Blüten besticktes Tischtuch bis auf den Boden reichte, den kleinen Bambustisch, an dem wir auf Sesseln aus schwarzem Stahlgestell und hellem Korbgeflecht saßen, und einen schwarzbraunen Kohleofen. An der Wand hingen ein blau-weißes Webstück mit einer Taube, einen Ölzweig im Schnabel, und ein Druck mit van Goghs Sonnenblumen. Durch die tropfennassen Fensterscheiben war ein großer alter Backsteinbau zu sehen, eine Schule, wie Sven auf meine Frage brummend bestätigte. Manchmal ratterte unten ein Auto über das Kopfsteinpflaster, und in regelmäßigen Abständen quietschte die Straßenbahn in der Kurve. Sonst war es still.

Später wurde mir Svens langes Überlegen langweilig, und wir einigten uns darauf, mit der Uhr zu spielen, Spiele zu vier Stunden oder auch Blitzpartien zu sieben Minuten. Dann wurde uns Schach überhaupt langweilig, und wir zogen lieber mit Paula und Julia los oder trafen ihre Freunde oder spielten die neuen Spiele, die ich mitbrachte, manchmal erst im zweiten Anlauf, wenn mich die Grenzsoldaten beim ersten Anlauf mit ihnen erwischten und zurückwiesen. Oder wir redeten; wir waren beide sechsunddreißig, interessierten uns für Theater und Kino und waren neugierig auf Menschen und Beziehungen. Manchmal trafen sich unsere Blicke bei einem Zusammensein mit Freunden, weil eine Bemerkung, ein Wortwechsel oder ein Austausch von Gesten uns auf gleiche Weise aufmerken ließ.

Das Zimmer, in dem Sven und ich spielten, sah später nie mehr so aus wie am ersten Samstag. Es war immer in heillosem Durcheinander; Julias Spielzeug und Svens und [59] Paulas Arbeitssachen lagen herum, dazu Teekanne und -tassen, angebissene Äpfel und angebrochene Schokolade; oft trocknete Wäsche am Ständer. Das ganze Leben des Tages spielte sich in diesem Zimmer ab. Sonst hatte die Wohnung noch ein winziges Schlafzimmer für die Eltern, eine noch winzigere Kammer für Julia und eine enge Küche, deren ursprüngliche andere Hälfte abgetrennt und zu einem ebenso engen Bad ausgebaut worden war. Am ersten Samstag hatte Sven das Zimmer aufgeräumt. Er hatte auch Kuchen besorgt. Aber über dem Schach hatte er Kuchen und Tee vergessen; daß er mir etwas hatte anbieten wollen, kam ihm erst in den Sinn, als Paula und Julia vor der Tür zu hören waren. Er stand auf, sagte: »Ach Gott, ich wollte doch …« und beschrieb mit den Armen wieder eine Geste des Bedauerns und der Vergeblichkeit.

3

Zwischen Julia und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Sie war zwei Jahre alt, heiter, quirlig, redete gerne, und wenn sie sich mit sich beschäftigte, summte sie vor sich hin. Manchmal war sie nachdenklich und ernsthaft, als wolle und könne sie alles verstehen. Manchmal schaute sie, hielt und bewegte sich so, daß schon die Frau erkennbar war, die sie einmal werden würde. Daß sie mich bezauberte, war kein Wunder. Als Wunder empfand ich, daß sie mir vom ersten Abend an so freudig begegnete, als sei in ihrem Herzen ein Platz frei und als komme ich gerade recht.

Paula und ich taten uns schwer miteinander. Sie war zu [60] Sven, Julia und mir ernst und streng, als mißbillige sie den Spaß, den wir an Nichtigkeiten wie einem Turm aus Schachfiguren oder einem Striptease von Julias Bären oder den riesigen Seifenblasen hatten, für die ich an einem der nächsten Samstage die tellergroße Öse und das Seifenpulver mitbrachte und mit denen wir im Treptower Park für einen kleinen Auflauf sorgten. Sie mißbilligte auch meine Versuche, sie zu charmieren. Sie nahm sie als Flirtversuche, und als ich mich in ihrer Gegenwart ebenfalls um ein ernstes und strenges, gleichwohl freundliches Verhalten bemühte, sah sie darin nur eine andere Variante des Flirtens. Wenn sie irgend konnte, nahm sie mich nicht zur Kenntnis.

Unser Verhältnis wurde besser, als wir entdeckten, daß wir beide die griechische Sprache liebten. Paula unterrichtete sie an einem theologischen Konvikt der evangelischen Kirche, und ich hatte sie auf dem Gymnasium gelernt und las seitdem griechische Texte – ein Hobby, wie andere Saxophon spielen oder ein Fernrohr kaufen und nach den Sternen gucken. Eines Tages sah ich an herumliegenden Büchern, daß Paula mit Griechisch zu tun hatte, fragte nach, und sie merkte, daß ich mich wirklich dafür interessierte und damit auskannte. Von da an sprach sie mich an, zunächst nur wegen Fragen griechischer Grammatik und Syntax, dann auch wegen Julia oder eines Erlebnisses im Unterricht oder eines Buchs, das sie las.

Aber erst im Sommer 1987, als wir zusammen Urlaub in Bulgarien machten, sagte sie etwas zu unserem Verhältnis. Daß sie mich für einen leichtfertigen Menschen gehalten und daß sie gefürchtet habe, ich würde Svens Vertrauen [61] enttäuschen. »Er hat sich so gefreut, als ihr euch damals getroffen und verabredet habt, und hatte zugleich solche Angst, daß du nicht kommst. Das blieb lange so, daß er sich zugleich gefreut und Angst gehabt hat. Ihr habt keine Ahnung, was es bedeutet, einen von euch kennenzulernen, besser und gut kennenzulernen. Es schließt eine andere Welt auf, geistig und, warum soll ich es nicht sagen, auch materiell,...