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10. Die moderne Casinogesellschaft (S. 195-196)
Die leichte Brise vom Mittelmeer streichelt wie ein seidenes Tuch. Die abendliche Luft ist für Mitte Oktober noch sommerlich warm. Die Sonne zieht sich langsam über die Wolkenbank zurück, vergoldet deren Ränder und legt weitab einen silbernen Teppich übers Meer. Es glänzt und glitzert. Der sanfte Wind schürzt die Wellen. Am Strand von Larvotto, noch vor der Palmenallee und der geraden Front der Luxushochhäuser, liegt das Grimaldi-Forum, das im Juli 2000 von Landesvater Rainier III. eröffnet wurde. Das 280 Millionen Euro teure Kongress- und Messezentrum erinnert an eine gigantische Metrostation. Nähert man sich von der Seite, verstärkt sich der Eindruck, die Architekten hätten sich vom Design eines CD-Spielers inspirieren lassen. Die Kupferlamellen, die sich längs über die Fassade ziehen und vermutlich zur Auflockerung gedacht sind, lassen das Gebäude kaum weniger klobig erscheinen.
Erst wenn man den Koloss aus Beton, Glas und Edelstahl betritt, ändert sich der Eindruck. Die gläserne Dachkonstruktion schwebt schwerelos in luftiger Höhe. Sternförmig rattern die Rolltreppen in alle Richtungen, der Besucher fühlt sich unwillkürlich an Fritz Langs Film Metropolis erinnert. Man spricht von einem »umgestülpten Wolkenkratzer«, der sich sechs Geschosse in die Tiefe bohrt und dort in ein Labyrinth verzweigt. Rund 70 000 Quadratmeter Nutzfläche verteilen sich auf drei variable Säle, ein Dutzend Konferenzsalons und Mehrzweckräume. Unter dem Meeresspiegel befinden sich Parkplätze für 1 000 Autos und eine Tankstelle, die einzige in ganz Monaco.
Die Kritik, die man während Rainiers Zeit nicht äußerte, wird inzwischen hörbar. Bautechnisch ist das Grimaldi-Forum ein Wunderwerk. Trotzdem wurde eine große Chance verschenkt, für Monaco optisch einen neuen Akzent zu setzen. Hier war kein Helmut Jahn am Werk, kein Ming Pei, der für Paris mit der gläsernen Pyramide vor dem Louvre ein neues Highlight kreierte, kein Frank O. Gehry, der mit seinem Guggenheim-Museum aus der abgelegenen, baskischen Industriemetropole Bilbao ein neues Kultur-Mekka machte. Und auch kein Jean Nouvel, dessen Farb- und Formgebung für Chiracs Wunschobjekt, das Arts Premier Museum in Paris, eine Weltattraktion bedeutet. Es zeigt sich immer deutlicher, dass die internationalen Stars der Architektur die Attraktivität der Städte so bestimmen wie die Stardesigner die Mode, und das fehlte in Monaco unter Rainier III.
Das neue »albertinische« Monacobild
Dieses architektonische Versäumnis ist dem weltgewandten Fürst Albert II. längst aufgefallen. In die Fußstapfen des »Landeroberers« Rainier III. tretend, möchte auch er dem Meer neues Land abringen. Am Strandabschnitt von Larvotto sollen weitere 30 Hektar aufgeschüttet werden. Zum Wettbewerb für die Gestaltung des neuen Stadtteils ist diesmal keine geringerer als Sir Norman Foster eingeladen. Der Londoner Architekt, der unter anderem die spektakuläre Glaskuppel des Berliner Reichstags entworfen hat, plant für Monaco einen neuen, runden Hafen. Dessen geradezu pharaonische Dimensionen werden das Panorama des Fürstentums bestimmen und Albert ein Jahrhundertdenkmal setzen. Daneben plant der neue Fürst eine Straße von Larvotto bis Cap d’Ail, die schon 2010 fertiggestellt werden soll. Die Strecke ist 1,9 Kilometer lang und hat mehrere Tunnels. Zwei davon sollen bereits 2007 eröffnet werden und den vor dem Kollaps stehenden Ortsverkehr entlasten. Allein für diesen kurzen Abschnitt belaufen sich die Baukosten auf 50 Millionen Euro. Es war schon immer etwas teuerer, fürstliche Pläne zu verwirklichen.
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