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Rolf Schieder
Das Verhältnis von Politik und Religion in der politischen Kultur Deutschlands (S. 115-116)
Ein Streifzug durch aktuelle religionspolitische Diskurse im Krisenland der Moderne
Dieser Essay spielt mit Bildern und Worten der Alltagskultur: Bildzeitungsschlagzeilen und Geldscheinen, Politikerstatements vor laufenden Kameras und spontanen Interviewäußerungen von Passanten. Zweifellos kann man den Wert solcher Dokumente gering schätzen und sie lediglich als vorübergehende Stimmungsäußerungen oder als bloßes Ornament abtun. Solche Äußerungen können Fehleinschätzungen oder Übertreibungen sein. Aus einer mentalitätengeschichtlichen und diskursanalytischen Perspektive erscheint ein solcher Umgang mit der Alltagskultur allerdings fahrlässig. Irrtümer und Fehleinschätzungen bestimmen das Verhalten und die Handlungen der Menschen nicht weniger als sachgemäße Einschätzungen der Lage.
Mentalitäten sind kollektive Einstellungen von beträchtlicher Dauer, die politische, soziale und kulturelle Veränderungen überdauern. Sie treten vor allem in Zeiten rapiden sozialen und kulturellen Wandels ins Bewusstsein. Der Zusammenbruch kultureller Selbstverständlichkeiten, das Unglaubwürdigwerden von Überkommenem erleichtern die Rekonstruktion von Mentalitäten. Wie in der Geologie bei Verwerfungen Schichten zutage treten, die unter normalen Umständen nicht sichtbar sind, so hat die Mentalitätenforschung in Zeiten des Umbruchs die Möglichkeit, aus der Vielzahl von Deutungen auf langfristige handlungsleitende Einstellungen zu schließen.
Mentalitätengeschichtler und Diskursanalytiker stimmen darin überein, dass Aussagen nicht das Produkt eines individuellen Genies sind, sondern Teil eines diskursiven Gefüges, dem das Subjekt der Aussage unterworfen ist. Aussagen sind Knoten in einem Netz von Verweisungszusammenhängen. Sie stehen unter der Bedingung des Gesagt- und Verstanden-werden-Könnens. Diskursanalytiker fragen, warum eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle. Diskurse verstehen sie als diejenigen anonymen Regelungsinstanzen, die bestimmte Aussagen zulassen oder auch ausschließen.
Die Miniaturen, mit deren Hilfe in diesem Essay religionspolitische Mentalitäten in Deutschland rekonstruiert werden sollen, werden nicht als individuelle Meinungsäußerungen verstanden, sondern als Ausdruck einer kollektiven Haltung. Für diesen Ansatz ist beispielsweise die Tatsache, dass Chefredakteur Kai Diekmann die Bildzeitungsschlagzeile „Wir sind Papst!"" erfunden haben soll, weniger interessant als die Tatsache, dass er damit eine Deutung der Situation vornahm, die die Komplexität der religionspolitischen Verhältnisse in Deutschland zum einen radikal reduzierte, diese damit aber zugleich ins Bewusstsein rief. Am Tag nach der Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger zum neuen Papst titelte die Bildzeitung „Wir sind Papst!"". Protestantische Theologen protestierten postwendend: Weder die Benennung des Subjekts noch die Verwendung des Prädikats seien korrekt. Die katholische Christenheit habe einen neuen Papst – allein diese Formulierung sei sachgemäß. „Habent papam"" hieß es deshalb kurz darauf in der Neuen Zürcher Zeitung. Aber auch katholische Christen kritisierten die Schlagzeile. Papst könne schließlich nur einer sein. Die Verballhornung des „Habemus Papam"" in „Summus Papa"" könne jedenfalls nicht aus katholischem Geist geboren sein. Trotz der evidenten konfessionskundlichen Mängel erregte die Schlagzeile großes Aufsehen. Sie brachte offenbar etwas zum Ausdruck, was durch konfessionelle Korrektheit verloren gegangen wäre. Wie ist es möglich, dass eine offensichtlich falsche Aussage so häufig zitiert wird und offenbar eine diffus gefühlte Zustimmung findet? Drei religionstheoretische Deutungen bieten sich an:
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