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3. Individuum, Subjekt, Person und Eigentum (S. 230-231)
Die Neubestimmung der Individualität hat den Begründungszusammenhang der Legitimationstheorien des Eigentums umgekehrt. Nicht die Präexistenz gegeneinander abgegrenzter Individuen erfordert die Aufteilung der Welt nach einer Eigentumsordnung, sondern die Handlungsformen der Eigentumsordnung bringen das moderne Individuum als Reflexionsform hervor. Doch diese einfache Verkehrung vermag nicht nachhaltig zu überzeugen. Sie führt zu der Frage, wie es möglich war, daß bereits während der Durchsetzung der Eigentumsordnung das Individuum die entscheidende Grundlage der Naturrechtskonzeptionen bilden konnte. Eine Frage, die für das Verhältnis von Individualität und Eigentum entscheidend ist, weil sie auf Quellen der modernen Individualität hinweist, die über ihre Rolle als Grenze des Bereichs eigentumsfähiger Gegenstände hinausweist. Quellen der Individualität, die jenseits der Eigentumsordnung liegen, sind den Überlegungen des vorangegangenen Teils zufolge Praxen im sozialen Feld. Sollen diese bestimmt werden, bedürfen zunächst einige methodische Fragen der Klärung. Aus der Bestimmung der Individualität als Resultat eines ganzen Bündels von Praxen ergibt sich nämlich die Frage nach der Bestimmung des Individualitätsbegriffs. Kann die Vorstellung vom Individuum auf ihren aktuellen Umfang beschränkt und jede Anwendung des Begriff auf vorbürgerliche Verhältnisse als Rückprojektion gekennzeichnet werden? Oder sind Individuum und Individualität Konzepte, die nicht nur die Wandlung der Praxen, sondern auch die unterschiedliche Zusammensetzung des Bündels, auf das sich die Reflexion bezieht, verbinden? Für beide Optionen der Alternative lassen sich Gründe finden. Wesentlich für die Wahl ist aber die Konzeption einer Geschichte der Individualität, die verfolgt werden soll. Am verbreitetsten – da der allgemeinen Tendenz zur Naturalisierung des Individuums am ehesten entsprechend – ist die Geschichte einer relativ stabilen Konzeption der Individualität, die in der Antike bereits voll ausgeprägt war, im frühen Mittelalter aufgrund der gesellschaftlichen Ordnung unterdrückt wurde, aber schon während der »Renaissance« des 12. Jahrhunderts wieder an Bedeutung gewann. Zwar ist auch in einer solchen Geschichte die Reflexionsform der Individualität an das soziale Feld und wirksame Praxen geknüpft, jedoch sind die Praxen in ihr nicht produktiv im Sinne einer Hervorbringung der Individualität, sondern repressiv im Sinne der Unterdrückung individueller Potentiale.219 Historischen Veränderungen unterliegt damit nicht die Individualität selbst, sondern die Art, in der sie sich in den gesellschaftlichen Formen ausdrücken und den aus ihr entstehenden Möglichkeiten Geltung verschaffen kann.
Gegen eine solche Interpretation spricht die enge Verbundenheit der Individualität mit den Praxen, in denen sie sich ausdrückt. Wo solche Praxen nicht existieren, ist die Realität der Individualität in Frage gestellt, weil jenseits der Rückprojektionen aus gegenwärtigen individualitätsstiftenden Praxen nichts existiert, was einen Bezug auf Individualität ermöglichte. Was die Geschichte der Individualität kompliziert, ist die Tatsache, daß in den historischen Epochen seit der Antike durchaus immer wieder Praxen zu finden sind, die Elemente des heutigen Verständnisses von Individualität enthalten. Diese Praxen sind es, die als Quellen der Individualität zu untersuchen sind. Doch auch wenn anerkannt ist, daß die Zusammensetzung und konkrete Ausprägung dieser zur Individualität führenden Praxen verändernd auf das Konzept der Individualität wirkt, läßt sich die Veränderung noch auf zweierlei Weise beschreiben.
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