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4 Diskussion (S. 113-114)
Ein grundsätzliches Problem kennzeichnet die Diskussion um die Individualisierung: die wissenssoziologische Falle. Darunter wird hier unter Rückgriff auf die Tradition der Wissenssoziologie seit Karl Mannheim (1925) verstanden, dass auch soziologische Begriffe historisch situierte Begriffe sind. Wenn Begriffe nicht geschichtsunabhängig formuliert werden können, so stellt sich für die soziologische Erforschung zeitgeschichtlicher Zusammenhänge das Problem, dassman nicht unterscheiden kann, ob sich dieRealität oder die Begrifflichkeit verändert hat. Das heißt, die wissenssoziologische Falle besteht darin, dass wir nicht entscheiden können, ob wir eine Konstanz sozialstruktureller Entwicklungsprozesse und Merkmale haben oder ob die Individualisierungskonzeption nichts anderes als eine terminologische Umorientierung auf der semantischen Ebene ist, die uns die Phänomene anders sehen lässt. Diese missliche Lage fordert dazu heraus, Lösungsvorschläge für dieses Problem zu entwickeln. Diese Herausforderung hat die Soziologie bislang nicht angenommen. Über erste Ansätze etwa in Arbeiten von Peter A. Berger (1987) zu Klassifikationssystemen ist die Soziologie bislang nicht hinausgekommen. Hier liegt ein dringlicher, durch den Individualisierungsprozess aufgeworfener Forschungsbedarf.
In der Rezeption derDiskussion sind vor allem zwei Sachverhalte Gegenstand der kritischen Auseinandersetzung. Einerseits wird auf eine unzureichende analytische Klarheit in der Formulierung der Individualisierungsthese insbesondere in den Schriften von Ulrich Beck hingewiesen. Auf der anderen Seite ist in empirischer Hinsicht bislang keine eindeutige Aussage darüber möglich, ob Individualisierung einen dominierenden Entwicklungsprozess in den hochindustrialisierten Gegenwartsgesellschaften darstellt.
Die Unklarheiten der theoretischen Formulierung der Individualisierungsdiagnose haben eine Vielzahl von Untersuchungen auf den Plan gerufen mit dem Ziel, sie analytisch präziser zu erfassen. Von diesen sind insbesondere die Versuche von Nicola Ebers (1995) und Markus Schroer (2001) zu erwähnen. Beide arbeitenmit denMitteln derGegenüberstellung klassischer und gegenwärtiger soziologischer Individualisierungsbegriffe, um die letzteren klar explizieren zu können. Trotz solcher und ähnlicher Versuche ist es bislang nicht gelungen, eine auch nur näherungsweise einheitliche Bestimmung des Gemeinten zu erreichen. Dies liegt vor allem daran, dass der Begriff vorwiegend als Allgemeinbegriff einer umfassenden Zeitdiagnose aufgefasst wird.
Die Aufklärung des Phänomens Individualisierung wird weiterhin erschwert, weil Individualisierung ein Begriff ist, der in drei verschiedenen Abstraktionsebenen Verwendung findet. Erstens ist Individualisierung ein Oberbegriff für die Gesamtheit der Diskussion, zweitens ist er ein Begriff zur zusammenfassenden Kennzeichnung der gegenläufigen Tendenzen von Individualisierung und Kollektivierung. Drit- tens schließlich ist Individualisierung ein Begriff, der bereichsspezifisch in einzelnen Bindestrichsoziologien in einem jeweils spezifischen Sinn angewandt wird.
Diese Vielschichtigkeit des Begriffs hat die Diagnose zum Anschlusspunkt für vielerlei Diskurse in gesellschaftstheoretischer Hinsicht gemacht. Insofern ist die Unschärfe der analytischen Formulierung der Individualisierungsdiagnose zugleich ein Gewinn für die Diskussion gewesen. Dies darf allerdings nicht als ein generelles Plädoyer für die Fruchtbarkeit vager Begrifflichkeiten missverstanden werden.
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