3. Ketschua: Düsteres Erwachen (S. 10-11)
Diesmal glomm die Aureole weit genug weg.
Nicht nur diese seltsame optisch gut wahrnehmbare Ausprägung der Strangeness- Effekte war schwächer geworden, sondern auch die unsichtbare Wirkung auf Ketschua. Der Laosoor fühlte sich alles andere als wohl, aber er konnte immerhin über den Boden kriechen, weg von seiner Ecke und dem über zwei Meter hohen Container. Quälend langsam näherte er sich dem Ausgangsschott.
Obwohl seine Gedanken alles andere als klar waren, wusste er, dass er diesen Lagerraum verlassen musste.
»Raus hier«, murmelte er vor sich hin und lauschte dem Klang der eigenen Stimme. Sie klang rau, als habe er seit Tagen nicht mehr gesprochen und als sei die Kehle völlig ausgedörrt. Wahrscheinlich traf beides zu.
Seine Beine zitterten, als er sich erhob. Die Hinterläufe knickten ein und fast wäre er wieder zusammengebrochen. Mit der Schwanzhand stützte er sich ab und gewann das Gleichgewicht zurück.
Sein Blick suchte die Wände ab. Eben noch hatte er genau gewusst, wo sich das Ausgangsschott befand, da schlug die Desorientierung bereits wieder zu. Oben und unten, rechts und links ... All das verlor plötzlich jede Bedeutung.
Und das geschah gerade ihm, einem angehenden Meisterdieb!
Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass selbst die Betreuer und Lehrer auf der Akademie keine Immunität gegen derlei besaßen. Ein einfaches Lebewesen war hyperphysikalischen Phänomenen nun einmal hilfl os ausgeliefert, wenn es keine technischen Schutzvorrichtungen benutzen konnte.
Er konnte schon froh sein, unter dem Strangeness-Einfl uss nicht den Verstand verloren zu haben. Hoffentlich hatte er keinen verborgenen Schaden davongetragen. Ob er seine Paragabe als Nahdistanz-Teleporter noch einsetzen konnte?
Er konzentrierte sich, bündelte seinen Geist und seine ganze Wahrnehmung auf das Ausgangsschott, wollte dorthin springen – und landete auf dem großen Container, dicht an dessen Rand, umgeben vom bläulich zuckenden Elmsfeuer, das er so lange Zeit verzweifelt beobachtet hatte.
Das Zentrum der Strangeness-Effekte hatte ihn offenbar angezogen wie ein Magnet. Er fauchte gequält, sein Körper revoltierte, die Muskeln der Beine zuckten unkontrolliert. Sein Kopf schlug hin und her; die Ohrententakel platschten wieder und wieder auf das Metall und trommelten einen geisterhaften Rhythmus.
Weg hier, solange du noch kannst!
Der Gedanke war gut, aber unmöglich in die Tat umzusetzen. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er würgte, und beißende Flüssigkeit rann ihm aus dem Mund. Im Rachen brannte es sauer.
Ketschua zog die Beine an, während sich in seinem Hals etwas zu bewegen schien. Endlich bekam er den Kopf unter Kontrolle.
Die blaue Flamme tanzte vor seinen Augen. Eine Welle der Übelkeit jagte durch seinen Körper.
Stoß dich ab!, schrie es in ihm.
Keine Chance. Er konnte es nicht umsetzen.
Sein Verstand driftete ab. Bilder und Visionen von verschobener Wirklichkeit blitzten vor ihm auf, er sah sich selbst und kniete neben sich nieder, streichelte sein Rükkenfell, zog sich die Beine gerade und entwirrte die ineinander verschlungenen Ohrenhände. Mit einem letzten Rest bewussten Denkens sammelte er alle Kräfte. Er fasste einen Plan, einen verrückten Plan, wappnete sich auf Schmerzen – und stieß den Kopf in die blaue Aureole.
Ein Krampf lief durch seinen Körper, genau wie er es geplant hatte. Seine Muskeln verkrampften sich, sein Leib wurde geschüttelt, alle Muskeln kontrahierten und dehnten sich explosionsartig.
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