Vatermord und Leben (S. 291-292)
Als der Versuch ist das aufgefaßt worden, den eigenen Vater zu verunglimpfen, seinen Ruf vernichten zu wollen, angetrieben vom Haß auf den Vater, vom ödipalen Haß auf den eigenen Erzeuger, als ein vatermörderisches Unterfangen, und in der Zuspitzung hieß es dann: Vatermord – als ob es da nicht doch einen Unterschied gäbe zwischen einem Text und der Tat, dem Gedanken und der Aktion. Erich Fried, der meinen Artikel genauso psychologisch und in seinem psychoanalytischen Wahn hat lesen wollen, Erich Fried, der Gerechte, der gute Mensch aus London, hat dies wenigstens in seinem Leserbrief an den SPIEGEL, der dort natürlich lie bend gerne abgedruckt wurde, klargestellt, daß hier in meinem Falle, bitte sehr, und wenn überhaupt, nur von Vaterrufmord die Rede sein könne, davon, daß ein Sohn den Ruf seines Vaters zerstören wolle.
Ich dagegen würde aus diesem Artikel immer noch den Versuch herauslesen wollen, meinen Vater verständlich zu machen, anderen Menschen verständlich, den Menschen, die ihn nicht kennen, die nur das Klischee von ihm kennen, Havemann nur als ein Idol wahrnehmen, nicht aber ihn, nicht den Havemann zumindest, den ich kannte. Aus nächster Nähe kannte. Aber auch aus der Distanz. Ich würde aus diesem Artikel nicht nur den Versuch herauslesen wollen, meinen Vater anderen verständlich zu machen, sondern auch den, ihn selber zu verstehen, besser verstehen zu können. Anders ist doch der Schluß, die Apotheose am Schluß gar nicht zu deuten.
Hier versuche ich, einen Schlüssel zu fi nden, einen Schlüssel dann auch zu geben, wie überhaupt das Leben meines Vaters zu verstehen ist, wie man das zusammenkriegt bei ihm, diese so unterschiedlichen Phasen seines Lebens, und der Schlüssel dazu, so schreibe ich, lege ich nahe, der Schlüssel dafür sei das Todesurteil, genauer: daß er sein Todesurteil überlebt hat – ich bin niemals zum Tode verurteilt worden, weiß nicht, wie das ist, überlebt man dann doch sein Todesurteil, ich maße mir das gar nicht an, einen Mann, der zum Tode verurteilt wurde und dann sein Todesurteil überlebt hat, voll und ganz verstehen zu können, ihn zu beurteilen. Am Ende dieses Artikels fi nde ich mich damit ab, daß mir dies nicht möglich sein wird.
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