6. Inkh Selexon
Die Qual der Gegenwart und der Vergangenheit (S. 23-24)
Der Eifer, mit dem die Vakaneten an die Arbeit gingen, weckte neue Hoffnungen in Inkh Selexon. Wenn jemand das Problem der spontanen Metamorphosen in den Griff bekommen konnte, dann diese Genetiker, davon war der Anführer der Tibirian Melech inzwischen überzeugt.
Die Frage war nur, ob es überhaupt eine Lösung gab. Was, wenn irgendetwas den ge- netischen Kode seines Volkes völlig durcheinandergebracht hatte? Waren die Metamorphose- Schübe das Ergebnis einer Mutation während des äonenlangen Schlafes?
Während des Schlafes ... oder schon früher? Wieso konnte er sich nicht erinnern an das, was vorher gewesen war?
Zum ungezählten Mal durchforstete er in der Hauptzentrale des GESETZ-Gebers die historischen Aufzeichnungen, die nahezu unendliche Mengen an Informationen umfassten – aber nicht das, wonach er suchte.
Unter dem Stichwort Tibirian Melech fand er viele Eintragungen und Querverweise; so erfuhr er, wann zum ersten Mal Mitglieder seines Volkes den GESETZ-Geber betreten hatten; er las Zehntausende Namen, entdeckte Listen der Protokolle von Fiktiv-Verhören; sah ein lückenloses Verzeichnis von Strafen, die die Ankläger verhängt hatten ... aber nichts darüber, ob es diese Metamorphosen früher schon gegeben hatte. Es gab nicht den geringsten Hinweis auf ein solches Phänomen.
Ganz offensichtlich hatte irgendjemand viele Aufzeichnungen über diesen Themenkomplex gelöscht, und das so effektiv und gründlich, dass sie sich nicht wiederherstellen ließen. Es war nur anhand der Datenbezeichnungen logisch zu rekonstruieren, dass bestimmte Informationsblöcke fehlten, da die Titeleien strengen Mustern folgten und diese anderweitig nicht erklärbare Lücken aufwiesen.
Hatte in den gelöschten Datenblöcken mehr über diese genetische Anormalität gestanden? Oder steckte gar eine besondere, herausragende Fähigkeit seines Volkes dahinter, über die die Tibirian Melech lediglich die Kontrolle verloren hatten? Dieser Gedanke lag nahe, denn hätten die Kosmokraten ein makelhaftes Volk in ihren GESETZ-Geber geführt und ihm darüber hinaus eine wichtige Aufgabe übertragen? Sie wählten nur gesunde, starke, heile Völker aus, die Interessen der Ordnung im Kosmos zu vertreten. Wütend löschte der Fiktiv-Ankläger das Hologramm, das die entsprechenden Datenkolonnen anzeigte. Es gab keine neuen Erkenntnisse daraus zu gewinnen.
»Wie sieht es im Vakacool-System aus?«, rief er den diensthabenden Tibirian Melech zu, denen er befohlen hatte, die Lage im galaktischen Umfeld zu beobachten. Obwohl die hiesigen Kriegsfl otten für CHEOS-TAI keine ernsthafte Gefahr bildeten, wollte er dennoch über deren militärische Pläne auf dem Laufenden bleiben.
Ssalir Trumav, einer der ältesten überlebenden Tibirian Melech an Bord, der nie den Ehrgeiz entwickelt hatte, aus der Masse hervorzutreten, sah von seiner Arbeitsstation auf. Die dürren Finger schwebten über den Sensorfeldern, leicht gekrümmt, als wollten sie jede Sekunde zu tippen beginnen.
»Es gibt keine außergewöhnlichen Truppenbewegungen, nirgends in der Galaxis. Wenn die Intelligenzen von Barmand-Sternborn einen Angriff auf uns planen sollten, benötigen sie offenbar eine Menge Zeit dafür. Meiner Auffassung nach haben sie zu viel Angst, um eine Offensive zu starten.«
»Was nur für ihre Intelligenz spricht«, sagte Selexon.
Trumav zeigte sich amüsiert. »Du hast recht. Einen GESETZ-Geber können sie mit allen vereinten Raumschiffen dieser Galaxis nicht in Verlegenheit bringen. Stattdessen könnten sie sich gleich selbst vernichten.«
Inkh Selexon wollte gerade eine Bildverbindung in die verschiedenen medogenetischen Labors schalten, in denen die Genetiker an der Arbeit waren, als es wieder begann. Zuerst spürte er einen Druck im Brustkorb.
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