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In Liebe, Agnes - Roman

von: Håkan Nesser

btb, 2007

ISBN: 9783894805777 , 160 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 7,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Mehr zum Inhalt

In Liebe, Agnes - Roman


 

Im Großen und Ganzen verlief die Beerdigung sehr gut.
Der Vormittag war grau, unfreundlich und windstill gewesen, aber als wir dann am Grab standen, brach die Sonne durch die Wolkendecke und warf schräge Lichtbündel durch die bereits gelb werdenden Blätterkronen der Ulmen.
Erich hätte es gefallen. Herbst. Der Himmel, der sich plötzlich zu heben schien und der Luft eine gewisse Schärfe verlieh. Klar, aber nicht kalt. Die Felder, die sich in Richtung Molnar hinunterzogen, abgeerntet, aber noch nicht untergepflügt. Ein Bauer, der in der Ferne ein Feld abflämmte.
Der Geistliche hieß Sildermack, ein großer, magerer, blonder Mann, wir hatten uns vorher natürlich getroffen und alles besprochen, er ist neu im Amt und leidet unter irgendeiner Verformung des Rückgrats, weshalb er irgendwie unbeholfen geht, mit rollenden Bewegungen sozusagen. Es lässt ihn auch älter wirken. Aber sein Gesicht scheint zu leuchten, und bei der Beisetzung hat er seine Aufgabe tadellos erledigt.

Wir waren vielleicht zwei Dutzend Trauergäste. Die Kinder natürlich. Erichs Mutter mit Begleitung, ihrer Freundin und der übellaunigen Pflegerin.
Beatrice und Rudolf.
Justin.
Hendermaags, die den schlechten Geschmack hatten, ihre Kinder mitzuschleifen. Die sind erst zehn oder zwölf, ein schüchterner Knabe und ein Mädchen mit vorstehenden Zähnen und nervösem Blick, wozu soll es denn gut sein, ihnen so etwas zuzumuten? Und keins von ihnen hatte irgendeine Beziehung zu Erich, sie sind ihm sicher nicht häufiger als zwei- oder dreimal begegnet, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.
Ebert Kenner natürlich und einige neuere Kollegen, die ich noch nie gesehen hatte. Ein Quartett, genau gesagt, zwei Frauen, zwei Männer. Dazu Oberarzt Monsen, der es sich in der Kirche nicht verkneifen konnte, ein paar Worte zu sagen, die er dann am Grab noch einmal wiederholte.
Über die Klarheit der Herbsttage und die uns zubemessene Zeit auf Erden. Über die analytische Schärfe, die Erichs hervorstechendste Eigenschaft war und Zeugnis von seiner Meisterschaft ablegte.
Worte.
Ich fühlte mich ein wenig müde. Dort draußen, in dem schwarz gekleideten Kreis aus Trauernden und weniger Trauernden und solchen, die aus ganz allgemeinen Gründen gekommen waren, überkam mich eine Woge der Erschöpfung. Vielleicht lag es an der Trauer, die mich doch noch erfasste, nicht in erster Linie der Trauer um Erich, sondern der Trauer über das Leben an sich.
Über dessen Ungerechtigkeiten und blinden Flecke. Über Verfehlungen, die wir unter den Teppich kehren und verdrängen, aber die uns doch einholen, wenn wir ihnen lange genug den Rücken zudrehen. Wenn wir nicht genug aufgepasst haben.
Ich weinte nicht. Nicht eine Träne quoll während der gesamten Feierlichkeit aus meinen Augen: Es ist mir egal, wie das auf andere wirken mochte, und es gibt heutzutage doch zahllose Medikamente, die uns abstumpfen und unsere Seele betäuben, also gehe ich davon aus, dass mein Auftreten niemanden wirklich überrascht hat. Ich habe mit keinem Menschen ein Wort gewechselt. Habe mich auf bestätigende Blicke beschränkt. Auf Händeschütteln. Leichte Umarmungen und illusorisches Nicken.
Die Jugendfreunde vom Ruderklub trugen den Sarg. Vier Männer, drei erkannte ich, wusste jedoch von keinem den Namen, sie alle wohnen in Gobsheim, und dem Pastor zufolge hatten sie sich selbst für diesen Freundesdienst angeboten.
Und dann noch Henny.
Ich wollte wirklich nicht alle Anwesenden aufzählen, aber jetzt habe ich es wohl doch getan. Henny Delgado.
Sie trug in der Kirche etwas langärmliges Schwarzes, doch als wir dann auf den Friedhof gingen, hatte sie einen dunkelroten Poncho übergestreift. Mir fiel ein, dass sie immer schon Rot getragen hat, nicht unbedingt am ganzen Leib, aber etwas Rotes war doch immer dabei gewesen. Ein roter Blickfang. Eine karminrote Bluse oder ein Schal. Ich selbst bin blau und kalt. Schon als Gymnasiastin hielt jede von uns sich an ihre Farben: Hennys Töne waren Rot, Gelb, Ocker. Meine Blau und Türkis, kalte Farben. Nur bei Grün konnten wir einander begegnen, kamen dabei aber aus entgegengesetzten Richtungen. Später, das muss während des ersten Wintersemesters an der Universität gewesen sein, suchten wir zusammen einen Farbanalytiker auf, der unsere intuitive Wahl sofort guthieß. Er hielt Stofflappen neben unsere verdutzten Gesichter und verbreitete sich über unsere unterschiedlichen Hauttypen. Über Pigmentierungspersönlichkeiten, als handele es sich dabei fast um etwas Seelisches.
Henny sah erstaunlich jung aus. Auf irgendeine Weise frisch und geschmeidig; ich weiß eigentlich nicht, warum es mich überrascht hat, aber so war es tatsächlich. Sie war natürlich allein gekommen, Mann und Kinder hatte sie in Grothenburg gelassen, ja, ich bin keiner ihrer Töchter je begegnet, aber ihre Taufbilder liegen in der passenden Reihenfolge in irgendeinem Album.
Ich finde es gar nicht gut, dass wir nicht miteinander sprechen konnten, wo wir uns nach so vielen Jahren endlich wiedergesehen haben. Aber ich habe doch das Gefühl, dass ich von ihr hören werde. Woher diese vage Ahnung stammt, weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, dass ich mich irre. Trotz allem haben wir einander so nahe gestanden wie zwei Menschen vom selben Geschlecht das überhaupt nur können, ohne miteinander verwandt oder lesbisch zu sein. Lange Zeit ist vergangen, aber es gibt Zeichen und kleine Fingerzeige, die uns auf einer tieferen Ebene treffen als der kognitiven und sprachlichen. Natürlich gibt es sie.
Justin bot an, über Nacht zu bleiben, aber ich lehnte dankend ab. Justin ist ein guter, verständnisvoller Mensch, ich habe ihn immer sehr geschätzt, trotz seines ein wenig unkultivierten Stils, aber ich will allein sein. Allein mit den Hunden, mit einem Feuer im offenen Kamin, den Sessel ans Fenster gezogen. Ein Glas Portwein oder zwei, die Dämmerung, die sich über den Garten senkt, die knorrigen, zu sehr beschnittenen Apfelbäume, die Buchsbaumhecke und die Felder, die sich nach Molnar hinunterziehen: einige Stunden in absoluter Stille, mit dem Fotoalbum und den Erinnerungen. Vielleicht werde ich auch eine Zigarette rauchen, obwohl ich das Rauchen eigentlich schon vor Jahren aufgegeben habe, aber es ist schließlich ein besonderer Tag, und ich habe noch zwei Packungen in der Schublade.
Ich bin auch nächste Woche noch krankgeschrieben. Die Hälfte der Stunden werde ich nachholen, die andere Hälfte ist Bruun zugefallen. Wie üblich.