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Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht - Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt

von: Ernst Ulrich Weizsäcker, Anders Wijkman

Gütersloher Verlagshaus, 2017

ISBN: 9783641219963 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 19,99 EUR

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Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht - Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt


 

1.5 DIE KLIMA-HERAUSFORDERUNG

Die 21. Vertragsstaatenkonferenz (COP 21) der UN-Klimakonvention in Paris im Dezember 2015 wurde als großer Erfolg gefeiert. Alle 195 Länder, die in Paris anwesend waren, haben sich geeinigt, »so bald wie möglich den weltweiten Scheitelpunkt der Emissionen von Treibhausgasen zu erreichen« und »danach eine rasche Reduktion zu betreiben«. Der Aufruf, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur »weit unter 2°C (gegenüber vorindustrieller Zeit) zu halten und Bemühungen zu unternehmen, die Zunahme auf 1,5°C zu begrenzen«, ist zweifellos sehr ehrgeizig.

Es gab auch viele kritische Kommentare. Der führende Klimaforscher James E. Hansen nannte die Vereinbarung einen Betrug. »Es sind nur wertlose Worte. Es gibt keine Aktion, nur Versprechen … Solange fossile Brennstoffe die billigsten Kraftstoffe sind, werden sie weiter verbrannt … Die Entscheidung ist bedeutungslos ohne eine Verpflichtung zur Besteuerung von Treibhausemissionen«, sagte er gegenüber The Guardian44; Hansen glaubt, dass ein starkes Preissignal die einzige Möglichkeit ist, die Emissionen schnell genügend zu reduzieren.

George Monbiot fasste es anders zusammen, ebenfalls im Guardian: »Der Deal ist ein Wunder im Vergleich zu dem, was er hätte sein können – und eine Katastrophe im Vergleich zu dem, was er hätte sein müssen.« Er fügte hinzu: »Die wirklichen Ergebnisse werden vermutlich lediglich die Verpflichtung zu Grenzwerten im Klimaschutz sein, die für alle gefährlich und einige tödlich sein werden.«45

Monbiots Bemerkungen müssen ernst genommen werden. Es war in der Tat eine Leistung, sich darauf zu einigen, die Temperaturerhöhung nicht nur »weit unter 2°C« zu halten, sondern auch zu versuchen, »den Anstieg auf 1,5°C zu begrenzen«. Allerdings wird kaum etwas darüber gesagt, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um diese Ziele zu erreichen. Es wurde keine Einigung über die Notwendigkeit einer globalen Kohlendioxidsteuer und über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen erzielt. Darüber hinaus ist das Tempo in Bezug auf die Emissionsreduktionen in den Jahren bis 2030 – eine kritische Periode, um eine übermäßige Anhäufung von CO2 in der Atmosphäre zu vermeiden – bestenfalls bescheiden. Es scheint ein tiefer Graben zwischen dem zu existieren, was getan werden muss und geplant ist, und dem, was erforderlich ist.

Wenn die Länder nur an ihren Pariser Verpflichtungen festhalten – den so genannten INDCs (beabsichtigte national festgelegte Beiträge) – gibt es kaum Chancen, die globale Durchschnittstemperatur bis zur zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts unterhalb von 3°C über dem vorindustriellen Niveau zu halten; und 3°C könnten katastrophal sein. Das Klimasystem in der Natur ist nicht-linear, und schon bei einer Erwärmung von 1,5° oder 2°C kann es unangenehme Kipppunkte geben. Das zwingt zu raschem Handeln.

1.5.1 Wir brauchen einen »Crash-Plan«

Seien wir ehrlich. Um eine Chance zu haben, die Pariser Ziele zu erreichen, müssen die Produktions- und Verbrauchssysteme der ganzen Welt einen raschen und gründlichen Wandel durchlaufen. Um ein Überschreiten des 2°C-Ziels zu vermeiden, muss die Kohlenstoffintensität der Weltwirtschaft um mindestens 6,2% pro Jahr reduziert werden. Um das 1,5°C-Ziel zu erreichen, müsste die Reduktion nahezu 10% jährlich betragen. Im Vergleich hierzu sank die globale Kohlenstoffintensität zwischen 2000 und 2013 um durchschnittlich 0,9%.

Erfreulich ist, dass viele kleinere, aber immer noch wichtige Akteure – Staaten, Städte, Unternehmen, Finanzinstitute, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Glaubensrichtungen und Gemeinschaften – sich zur Unterstützung des Pariser Abkommens bekannt haben. Mehr als 1.000 Städte auf der ganzen Welt verpflichten sich zu 100% erneuerbaren Energien und das Gleiche gilt für fast 100 der weltgrößten Unternehmen.

Aber die Herausforderung ist kolossal – nicht zuletzt in einer freien Marktwirtschaft. Weil der Markt allein das Problem nicht löst, brauchen wir einen »Crash-Plan«. Die Vermeidung des Klimawandels erfordert eine so groß angelegte schnelle Aktion, dass keine Einzeltechnologie die Lösung sein kann. Die Herausforderung besteht in einer schnellen, konzertierten Umsetzung mehrerer ausgereifter und neuer Energie- und Nicht-Energie-Technologien. Da müssen auch Regierungen handeln – nicht nur kurzfristig gepolte Märkte.

Man kann natürlich sagen, dass die Gesellschaft das Wissen, das Geld und die Technologien hat, um sich rechtzeitig in Richtung einer CO2-armen Gesellschaft zu bewegen und eine Katastrophe abzuwenden. Mit den äußerst raschen Lernkurven bei Solar- und Windenergie – und in jüngster Zeit in der Speichertechnik – gibt es keine Entschuldigung mehr, nicht massiv zu handeln.

Billigere Solar- und Windenergie allein werden es nicht schaffen. All das Geld, das in Kraftwerken, Autos und Fabriken steckt, die auf fossile Brennstoffe ausgelegt sind, wehrt sich gegen seine Entwertung, die der erforderliche Strukturwandel bedeutet. Ohne eine möglichst globale CO2-Steuer und einen Ölpreis von wenigstens 50 USD pro Fass gibt es keine echte Veränderung.

Man spricht nicht gern darüber, aber die Wahrheit ist, dass, wenn es keinen »Crash-Plan« gibt oder er nicht umgesetzt wird, uns nur zwei Alternativen bleiben, die beide bezüglich der Wirksamkeit und der höchst ungewissen Ökosystemeffekte sehr fragwürdig sind: Geo-Engineering und ein groß angelegter Einsatz von »negativen Emissionstechnologien«.

1.5.2 Geo-Engineering?

Kohlendioxid ist in der Atmosphäre langlebig und das verbleibende CO2-Budget ist extrem eng. Es ist daher realistisch anzunehmen, dass die »erlaubten« CO2-Emissionen überschritten werden. Die Frage ist, um wie viel?

Das Pariser Abkommen enthält die Verpflichtung zur Treibhausgasneutralität bis 2050. Wenn der Ausstieg aus Kohle und Öl zu schleppend verläuft, ist das eine Einladung zum »Geo-Engineering«! Das reicht vom eher harmlosen, aber teuren CCS (Carbon Capture and Sequestration) und biogenen CCS (BECCS) bis hin zu wilden Phantasien eines Eingriffs in die Atmosphäre oder Stratosphäre oder in die Meeresoberflächen mit dem Ziel, die globalen Strahlungsmuster in Richtung Kühlung zu manipulieren.

Selbst innerhalb des Club of Rome gibt es starke (verzweifelte) Stimmen zugunsten von CCS, weil das die einzige Chance sei, den Klimawandel noch zu stoppen. Aber sowohl das technische Abfangen und Vergraben von CO2 als auch großflächige Pflanzen- und Bodenveränderungen, also BECCS, verlangen enorme Größenordnungen, wenn sie klimawirksam werden sollen. Zu BECCS sagt Prof. Kevin Andersson, zeitweiliger Direktor des Tyndall Center für Klimaforschung, dass die schiere Größenordnung von BECCS im Sinne des Pariser Abkommens atemberaubend sei. Da gehe es um Jahrzehnte des Pflanzens und Erntens von Energiepflanzen auf einer Fläche so groß wie Indien oder auch dreimal so groß. Und der Biokraftstoff wandert in die Tanks von Flugzeugen, Schiffen und Autos oder als Rohstoff in die Chemieindustrie. Und die Umwidmung der Fläche geht dann von der Lebensmittelerzeugung für bald 9 Milliarden Menschen ab. Das muss schon einmal kritisch hinterfragt werden.46

Dazu kommen die großen Fragezeichen der Logistik, der rechtlichen Genehmigung und der öffentlichen Akzeptanz. Die Mengen an CO2, die gespeichert werden sollen, um die Emissionen zu kompensieren, müssten riesig sein. Das haben sich die Befürworter nicht so klargemacht. Gewiss soll man auch die CCS-Technologie weiterentwickeln, weil sie vielleicht als Notfallmaßnahme gebraucht wird, wo doch in vielen Teilen der Welt noch nicht auf die Kohlenutzung zur Erzeugung von Strom, Stahl und Zement verzichtet wird.

1.5.3 Vielleicht ein Marshall-Plan?

Gewiss müssen wir die Option negativer Emissionen, also CCS und BECCS, aufrechterhalten. Aber wir müssen alles dafür tun, das Ausmaß derselben zu begrenzen, weil es ganz einfach gefährlich ist, sich auf die negativen Emissionen zu verlassen. Sie vermitteln auch ein falsches Sicherheitsgefühl.

Das Pariser Abkommen geht davon aus, dass die CO2-Minderungsmaßnahmen bis 2030 nur zu einer Minderung von etwa 2% pro Jahr führen. Wenn wir den Klimawandel als ernsthafte Bedrohung ansehen – und Paris sagt genau das –, dann müsste uns schon unsere Klugheit veranlassen, sehr rasch viel stärkere Maßnahmen zu ergreifen, statt sie zu vertagen. Solche Maßnahmen laufen auf so etwas wie einen Marshall-Plan für CO2-arme Technologien hinaus. Und technisch und wirtschaftlich ist das zum Glück machbar.

Die wichtigste Hoffnung für die Umsetzung von »Paris« ruht auf ganz verschiedenen Akteuren: Regierungen, Städten, Firmen und NGOs. Wenn Tausende die Herausforderung ernst nehmen und alles Mögliche tun, um das Klima zu schützen, dann werden sie zu Vorbildern in einer breiten Bewegung.

1.5.4 Haben wir die Chance zur Einhaltung unserer Ziele schon verpasst?

Zwei Jahre sind seit Paris vergangen. Schon das Jahr 2016 brachte haufenweise Ereignisse zum Thema Klima. Viel Gutes, einiges Schlechte und auch manches Abscheuliche.

Positiv war, dass das Pariser Abkommen viel schneller ratifiziert wurde, als man dachte. Die Vertragsparteien der Klimakonvention trafen sich im November 2016 in Marrakesch. Viele befürchteten, dass nun nach dem Trump-Sieg (der während...