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Chaos - Das neue Zeitalter der Revolutionen

von: Fabian Scheidler

Promedia Verlag, 2017

ISBN: 9783853718568 , 240 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

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Chaos - Das neue Zeitalter der Revolutionen


 

Einleitung


Am 25. Januar 2017, wenige Tage nach der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump, geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Der Dow Jones Index der New Yorker Börse erreichte unter dem Jubel der Anleger erstmals die Schwelle von 20.000 Punkten. Zugleich rückten die Zeiger der »Weltuntergangsuhr« (»Doomsday Clock«) auf zweieinhalb Minuten vor zwölf – und damit so nah an Mitternacht heran, wie seit dem Zünden der ersten US-Wasserstoffbombe 1953 nicht mehr. Die Uhr spiegelt die Einschätzungen führender Nuklear- und Umweltwissenschaftler über die Gefahren von Atomkrieg, Klimachaos und Risikotechnologien wider.1

Der Freudentaumel der Anleger und die nahende Mitternacht für die Menschheit: Deutlicher lässt sich die Tatsache, dass sich unser Wirtschaftssystem auf Crashkurs mit dem Planeten und seinen Bewohnern befindet, kaum ausdrücken. Was die Börse feiert, ist unser Verderben. Das Ergebnis dieses Zusammenpralls ist wachsendes globales Chaos auf allen Ebenen: in der Politik, in der Wirtschaft, in unseren Köpfen und in den natürlichen lebenserhaltenden Systemen.

In meinem Buch Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation habe ich beschrieben, wie das aggressive System aus endloser Geldvermehrung und militarisierten Staaten, das vor 500 Jahren in Europa entstand, zwar für einen kleineren Teil der Weltbevölkerung enormen Wohlstand geschaffen hat, für den größeren Teil jedoch von Anfang an mit Krieg, Völkermord, Umweltverwüstung, Ausbeutung und Elend verbunden war.2 Für viele Menschen im Globalen Süden ist das Chaos also nicht neu. Auch für Europäer war die Expansion der Megamaschine in den letzten 500 Jahren immer wieder mit Phasen von destruktivem Chaos und exzessiver Gewalt verbunden, von den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert bis zu den Weltkriegen. 1930 schrieb der italienische Philosoph und Kommunist Antonio Gramsci im Gefängnis: »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.«3 Auch wir leben wieder in einer »Zeit der Monster«. Doch bei allen Ähnlichkeiten gibt es einen entscheidenden Unterschied zu früheren Systemkrisen: Heute steht durch die rasante Zerstörung der Biosphäre und die sich erneut verschärfende atomare Bedrohung die Überlebensfrage für die Menschheit im Raum.

Chaos und Schweigen


Die öffentlichen Diskussionen gehen angesichts dieser Lage allerdings auf beunruhigende Weise an den wichtigsten Fragen vorbei. Eine breite Debatte über einen grundsätzlichen Wandel unseres Wirtschaftssystems findet nicht statt. Die Tatsache, dass sich die deutsche Regierung auf Druck der USA weigert, dem UN-Vertrag zur Abschaffung von Atomwaffen beizutreten, den mittlerweile 122 Länder unterzeichnet haben, ist den meisten Medien bestenfalls eine Randnotiz wert.4 Dabei geht es um unser aller Überleben. Klimanachrichten rangieren, wenn nicht gerade ein UN-Gipfel stattfindet, meist unter Vermischtes, obwohl sie eigentlich Titelthemen sein müssten. So zum Beispiel der Hinweis auf eine NASA-Studie aus dem Jahr 2014, die feststellt, dass der gewaltige westantarktische Eisschild begonnen hat, unwiderruflich auseinanderzubrechen. Der daraus folgende Meeresspiegelanstieg von bis zu vier Metern lässt sich bereits nicht mehr aufhalten.5 Küstenstädte wie New York, Hamburg, Schanghai, Kalkutta und Alexandria sind, obwohl sie noch stehen, eigentlich schon Geschichte. Doch darüber herrscht weitgehend Schweigen. Das Scheitern einer ganzen Zivilisation scheint keine Schlagzeilen mehr wert zu sein.

Führende Klimawissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass wir unsere Treibhausgasemissionen um 80 Prozent bis 2030 senken müssen, um auch nur eine 50:50-Chance zu haben, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen und eine weiter eskalierende Katastrophe zu verhindern.6 Doch die EU ist auf dem Weg, selbst ihr viel zu niedriges Ziel von 40 Prozent zu verfehlen. In Deutschland steigen die Emissionen, statt zu sinken, vor allem durch den ungebremst boomenden Auto-, LKW- und Luftverkehr – so als hätte hier noch nie jemand das Wort Klimawandel gehört.7 Eine ernsthafte Diskussion über dieses dramatische Versagen der Politik, das lebensbedrohliche Konsequenzen für uns alle und vor allem für unsere Kinder und Enkel hat, findet nicht statt. In der angeblichen Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft zählen Fakten wenig, wenn sich mit ihrer Verdrängung noch eine Weile Profit machen lässt. Anlässlich des Klimagipfels in Durban (Südafrika) 2011, wo die Regierungschefs aus aller Welt zusammenkamen, formulierte es der ehemalige Vorsitzende des UN-Klimarats Rajendra Pachauri so: »Um ehrlich zu sein: Niemand hier schenkt der Wissenschaft irgendeine Beachtung.«8 Es ist nicht allein Donald Trump, der sich im postfaktischen Zeitalter eingerichtet hat, sondern der größte Teil der politischen Eliten. Auch in Europa. Und ein Teil der Bevölkerungen auf beiden Seiten des Atlantiks unterstützt sie dabei.

Der Grund dafür ist leicht zu erkennen: Der Krise des Lebens auf der Erde ins Auge zu sehen und angemessen darauf zu reagieren, würde bedeuten, nicht nur einige Infrastrukturen, sondern unser gesamtes Wirtschaftssystem vollständig umzubauen. Der Aufbau einer Ökonomie, die auf Gemeinwohl statt Profit, auf gerechte Verteilung statt auf endloses Wachstum setzt, ist umso dringender, als das gegenwärtige System einem winzigen Teil der Weltbevölkerung zu absurden Reichtümern verhilft, während 800 Millionen Menschen hungern und Milliarden um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen. Doch das politische Establishment in den Industrieländern hat sich bisher geweigert, einen grundlegenden Umbau in Richtung sozialer und ökologischer Gerechtigkeit in Angriff zu nehmen. Reiche Interessengruppen, die auch um den Preis eines verwüsteten Planeten ihre Privilegien zu verteidigen suchen, haben ihren Zugriff auf die Staatsapparate in den vergangenen Jahrzehnten erheblich ausweiten können. Als Ergebnis ihres Erfolges wächst das Chaos und die Fliehkräfte nehmen zu.

Tödliche Ordnungsversuche


Im Nebel dieses Chaos zeichnen sich die Umrisse neuer autoritärer Ordnungsversuche ab. In den USA ist eine »ultrarechte Revolution« in vollem Gange, die darauf abzielt, die sozialen Errungenschaften der letzten 200 Jahre auszulöschen.9 Ihre Anführer kontrollieren alle drei Pfeiler staatlicher Macht, vom Kongress über das Weiße Haus bis zur Justiz. In der Türkei baut Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein autokratisches Regime auf, Tausende von Richtern, Staatsanwälten, Journalisten, Oppositionspolitikern und Regime­kritikern sind eingekerkert. Auch in der EU hat sich in den letzten Jahren eine Art Slow-Motion-Staatsstreich abgespielt: Nicht-gewählte Bürokraten der Europäischen Zentralbank, des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission diktieren in vielen Ländern inzwischen die Politik, fernab demokratischer Kontrolle. Wahlen haben darauf, wie der Fall Griechenland exemplarisch gezeigt hat, nur noch wenig Einfluss. Dieses zutiefst antidemokratische System dient in erster Linie dazu, einen kontinuierlichen Geldstrom in Richtung der Vermögenden aufrechtzuerhalten, die sich auf diese Weise die noch verbliebenen öffentlichen Güter aneignen. In der strukturellen Krise der Weltwirtschaft, in der Profite immer schwerer durch Produktion und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen zu erzielen sind, nimmt der »Sozialstaat für Superreiche« immer deutlicher Gestalt an (vgl. das Kapitel »Tribut«).

In dem Maße, wie die Legitimität von Regierungen angesichts der zunehmenden Spaltung zwischen Arm und Reich bröckelt, werden äußere Feinde immer wichtiger, um Zusammenhalt herzustellen. Der permanente »Krieg gegen den Terror«, von dem heute im Grunde jeder weiß, dass er nicht weniger, sondern mehr Terroristen hervorbringt, dient in diesem Sinne als Versuch, die zerfallende politische Ordnung zu kitten und zugleich den Abbau von Bürgerrechten zu rechtfertigen.

Revolutionen


In Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum beschließt der Supercomputer HAL eines Tages, dass die Menschen an Bord des Raumschiffes ein Risiko für ihn sind, und schaltet sie Schritt für Schritt aus. Der letzte Überlebende schafft es jedoch, in das Rechenzentrum einzudringen und die Module des tödlichen Betriebssystems Stück für Stück herauszuziehen, bis der Superrechner nur noch Babylieder von sich geben kann und am Ende verstummt. Auch das Raumschiff Erde mitsamt seinen Bewohnern ist von einem verselbstständigten tödlichen Betriebssystem gekapert worden, und unsere einzige Chance besteht darin, die Module herauszuziehen und die Steuerung wieder auf manuell umzuschalten. Das bedeutet, nicht nur das Personal in Politik und Wirtschaft auszutauschen, sondern die Tiefenstrukturen unserer Gesellschaft, ihre grundlegenden Institutionen umzubauen.

Die vor uns liegende Epoche, in der um diesen Wandel gekämpft wird, nenne ich das »neue Zeitalter der Revolutionen«.10 Weder Dauer, noch Verlauf und Ergebnis dieser Übergangsphase lassen sich voraussagen. Sicher ist nur eines: business as usual wird auf lange Sicht nicht mehr möglich sein. Die verschlafenen Debatten im vergleichsweise satten Deutschland täuschen leicht darüber hinweg, dass wir es in vielen Teilen der Welt mit einem massiven Aufstand gegen die bestehenden Machtstrukturen zu tun haben. Massendemonstrationen sind in...