dummies
 
 

Suchen und Finden

Titel

Autor/Verlag

Inhaltsverzeichnis

Nur ebooks mit Firmenlizenz anzeigen:

 

Aus der Welt

von: Barbara Vine

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257601190 , 464 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 10,99 EUR

Exemplaranzahl:


Mehr zum Inhalt

Aus der Welt


 

[13] 1

Ich bin Karikaturistin.

Frauen sind in dieser Branche rar, sie gilt immer noch als Männerdomäne, und wenn man keine Engländerin ist und nicht einmal auf einer Kunsthochschule war, ist man erst recht eine Seltenheit. Seit nahezu dreißig Jahren liefere ich jede Woche zwei Karikaturen für eine Wochenzeitschrift, habe Harold Wilson und Willi Brandt gezeichnet, Mao Zedong und Margaret Thatcher (Hunderte von Malen), John Major, Neil Kinnock, David Beckham und Tony Blair (an die sechzigmal). Man sagt mir nach, daß ich mit ein paar Strichen und Schnörkeln eine Ähnlichkeit so einfangen kann, daß der Betrachter weiß, wer gemeint ist, noch ehe er liest, was in der Sprechblase der Figur steht. Aber ich bin kein Wunderkind. Was ich über Kunst in der Schule gelernt habe, war nicht der Rede wert, und jahrelang habe ich nie etwas anderes gezeichnet als einen Ziehharmonikahund für meine kleinen Nichten und Neffen.

Das mit dem Ziehharmonikahund erkläre ich Ihnen jetzt mal, vielleicht wollen Sie ja irgendwann einen für Ihre Kinder machen. Sie nehmen ein Blatt Papier, einen längs halbierten Bogen A4 zum Beispiel, legen ihn noch einmal zur Hälfte zusammen und schlagen das gefaltete Stück so zurück, daß ein zwei Zentimeter breiter Streifen entsteht. [14] Dann falten Sie das Blatt wieder auseinander und zeichnen über die Kniffe einen Hund, am besten einen Dackel oder Basset, wichtig ist nämlich, daß zwischen Vorder- und Hinterbeinen ein langer Körper ist. Dann legen Sie das Blatt in den Knicken wieder zusammen. Jetzt ist ein Hund mit gedrungener Figur zu sehen, aber wenn das Kind das Blatt auseinanderzieht wie eine Ziehharmonika, verwandelt er sich in einen Dackel. Mit etwas Übung kann man natürlich auch eine Ziehharmonikagiraffe machen oder einen Truthahn, der sich in einen Vogel Strauß verwandelt. Kinder finden das herrlich, sind davon begeistert, und als Teenager und während des Studiums habe ich nie etwas anderes gezeichnet.

Ich wollte erst Krankenschwester und dann Englischlehrerin werden. Daß ich das Zeichnen zum Beruf machen könnte, wäre mir nie in den Sinn gekommen, von Ziehharmonikahunden kann man nicht leben. Ende der sechziger Jahre kam ich nach England, frisch von der Uni in Lund mit einem Abschluß in Englisch und einer Kurzausbildung in Krankenpflege. Ich hatte einen Job und eine Bleibe in Aussicht, aber eigentlich war ich nach England gekommen, um meine Beziehung zu Mark Douglas wiederaufleben zu lassen.

Wir hatten uns in Lund kennengelernt, aber nach seinem Abschluß mußte er nach Hause und redete mir in jedem Brief dringend zu, ich solle doch nachkommen. »Besorg dir einen Job in London«, schrieb er, »besorg dir ein Zimmer, in London wohnen alle möbliert.« Ich machte das Nächstbeste– ich besorgte mir einen Job in Essex, in der Nähe der Hauptstrecke von Liverpool Street Station nach Norwich. [15] Meine künftigen Arbeitgeber hießen Cosway, das Haus, in dem sie wohnten, hieß Lydstep Old Hall, und so etwas wie dieses Haus hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Es war sehr groß, wirkte aber auf den ersten Blick nicht so sehr wie ein Haus, eher wie ein Busch oder ein riesiger Baum, dem man einen Formschnitt verpaßt hat. Als ich es zum erstenmal sah, im Juni, war es über und über, von den Grundmauern bis zur Dachtraufe, mit giftgrünem wildem Wein bewachsen. Man konnte gerade noch erkennen, daß der Bau rechteckig und das Dach fast flach war, aber ob es architektonische Besonderheiten wie Balkone, Geländer, Säulen oder Steinmetzarbeit gab, war unter der Masse von glänzendem Grün nicht auszumachen. Nur Fenster spähten aus dem Laubwerk hervor. Es war ziemlich böig, und weil die hunderttausend Blätter im Wind zitterten, sah es aus, als ob sich das Haus bewegte, sich zusammenzog, ausdehnte und wieder zur Ruhe kam.

»Da muß man sich ja vorkommen, als wenn man in ’nem Baum wohnt«, sagte der Taxifahrer, als ich zahlte. »Ist doch bestimmt schädlich für die Fassade, das Zeug. Wär nichts für mich. Freunde von Ihnen?«

»Noch nicht«, sagte ich.

Wenn man die Ziehharmonikahunde nicht rechnete, war Lydstep Old Hall meine erste Zeichnung. Ich habe das Haus an jenem Abend, als ich auf meinem Zimmer war, aus der Erinnerung festgehalten, und so mache ich es beim Zeichnen bis heute.

[16] Den Job hatte mir Marks Schwägerin Isabel Croft besorgt. Sie war mit der jüngsten Cosway-Tochter zur Schule gegangen.

»Zorah wohnt sicher nicht mehr zu Hause«, sagte sie, als ich sie bat, mir etwas über die Familie zu erzählen. »Wer jetzt noch da ist, weiß ich gar nicht. Ida, ja, die bestimmt, sie führt ihnen den Haushalt. Die anderen beiden Schwestern kannte ich nicht näher. Vielleicht haben sie geheiratet oder sind weggezogen. Das Haus gehört eigentlich John.«

»Den ich betreuen soll? Er ist schizophren, nicht?«

»Also ich weiß nicht… ›Betreuen‹ ist übertrieben.«

»Mrs. Cosway hat es so formuliert.«

»Was John fehlt, habe ich nie direkt benennen hören«, sagte Isabel. »Ich find’s eigentlich komisch, daß… Aber Mrs. Cosway wird schon wissen, wovon sie redet. Der Besitz wird von einem Treuhänder verwaltet. Es ist eine merkwürdige Sache, Mr. Cosway hat es in seinem Testament irgendwie so festgelegt. Einzelheiten wirst du kaum wissen wollen. Die Ehe war kaputt, glaube ich, und in seinen letzten Lebensjahren haben er und Mrs. Cosway kaum ein Wort mehr gewechselt. Mrs. Cosway war immer nett zu mir, aber sie ist nicht einfach. Na, du wirst sie ja erleben. Ein riesiges Haus, aber einige Räume haben sie abgeschlossen.«

Ich fragte, was sie komisch fände. Sie hatte den Satz nicht zu Ende gebracht.

»Daß John Betreuung braucht. Du bist Krankenschwester, und als ich ihn kannte, hatte er keine Pflegerin nötig. Manchmal benahm er sich sonderbar, das stimmt schon, aber bösartig war er nie. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«

[17] Es gab vieles, was sie nicht sagte, vor allem wohl deshalb, weil sie es wirklich nicht wußte. Die Cosways verstanden sich gut darauf, Dinge zu verbergen – Außenstehenden gegenüber und auch voreinander.

In den Romanen aus dem 19. Jahrhundert, die ich während meines Englisch-Studiums gelesen hatte, werden junge Frauen, die bei Familien auf dem Land eine Stellung antreten, immer von einem alten Faktotum mit einem Ponywagen an der nächstgelegenen Bahnstation abgeholt. Mir hatte man das nicht angeboten. Die Cosways besaßen weder Faktotum noch Ponywagen, nur ein Auto, und das brauchte Ella Cosway, um zur Arbeit zu fahren. Ich nahm ein Taxi. Vor dem Bahnhof von Colchester standen immer Taxis und stehen dort, soviel ich weiß, bis heute.

Die Straße ist inzwischen zu einer dreispurigen Autobahn ausgebaut. Damals fuhren wir über gewundene, streckenweise sehr schmale Wege, folgten ein Stück dem Lauf des Colne und passierten die Tore von mehreren Herrenhäusern. Ich hatte einiges über die Architektur von Essex gelesen und wußte, daß in der Grafschaft Steine als Baumaterial rar waren. Man benutzte Holz, Ziegel, Kalk, Flint und, besonders zum Bau von Kirchen und Umfriedungen, sogenannte Puddingsteine, längliche und abgerundete Flintkiesel. Das wichtigste Material aber, hieß es in meinen Büchern, sei Holz, und ich sah vom Taxifenster aus zu meiner Genugtuung diese Information bei Herren- wie Bauernhäusern aus winzigen Tudorziegeln mit Schindeln und Fachwerk bestätigt. Natürlich steigerte das meine Erwartungen an das Haus, das mir Isabel nicht beschrieben hatte. Womöglich [18] hatte es einen Wassergraben wie einige der Herrenhäuser, die ich im Vorbeifahren sah, vielleicht aber auch ein Strohdach, Butzenscheiben und viel naturbelassenes Holz. Und dann war da ja auch noch das Labyrinth.

»Im Garten, meinst du?« fragte ich Isabel. »Ein Labyrinth aus Hecken?«

Aber sie lachte nur. »Du wirst schon sehen.«

In meiner erwartungsvollen Ungeduld fragte ich den Fahrer, wie weit es sei. Drei Kilometer, erfuhr ich und hätte ihm am liebsten gesagt, er solle schneller fahren. Das Dorf ließen wir links liegen, aber die Kirche von Windrose, All Saints, erkannte man schon von weitem. Der hohe rosenrote Turm war ein Wahrzeichen, das den Blick auf sich zog und festhielt. Den großen roten Turm von Windrose nannten ihn die Leute, und manche sagten, das Dorf habe seinen Namen von dieser Farbe. Lydstep Old Hall lag einen halben Kilometer dahinter auf dem Kamm eines langgezogenen Hügels. Wir näherten uns dem Haus auf einem Feldweg, den der Taxifahrer eine Auffahrt nannte und der da, wo er sich zum Haus hin verbreiterte, gekiest war. Von einem Labyrinth keine Spur – um mich herum nur Rasen, alte Eichen und Ilex.

Die Haustür aus verwitterter Eiche war zurückversetzt, eine rechteckige Vertiefung in dem grünen Blätterdach. Jetzt, aus der Nähe, sah ich, wie groß die glänzenden Blätter waren, und als eins mein Gesicht streifte, spürte ich es kühl auf der Haut. Manchmal kann man eine künstliche Zimmerpflanze von einer echten nur unterscheiden, wenn man die Blätter anfaßt. Das Kunstgebilde fühlt sich steif und tot an, die richtige Pflanze scheint zu atmen und unter [19] der Berührung nachzugeben. Das Blatt auf meiner Wange fühlte sich lebendig an.

Ich klingelte, und eine Frau kam zur Tür. Ihr Foto war später mehrmals in der Zeitung und im Fernsehen, aber das ist auch schon wieder lange her. Die ganze Familie war auf jenen Fotos eher schlecht getroffen. Ich will nicht prahlen, aber die Zeichnung, die ich von Ida gemacht habe, war ähnlicher. Zuerst hielt ich sie für eine Hausangestellte. Sie mochte um die Fünfzig sein und trug...