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Kreuzfeuer

von: Dick Francis, Felix Francis

Diogenes, 2012

ISBN: 9783257601459 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

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Kreuzfeuer


 

[27] 2

Dass meine Heimkehr kein freudiges Ereignis war, kann man ohne Übertreibung sagen.

Kein »Hallo, Liebling«, kein Kuss auf die Wange, kein gebratenes Kalb, nichts. Aber auch keine Überraschung.

Meine Mutter lief geradewegs an mir vorbei, als wäre ich unsichtbar, mit starrer Miene und gekräuselten Lippen. Den Gesichtsausdruck kannte ich. Sie war kurz davor, zu weinen, wollte das aber nicht in der Öffentlichkeit tun. Soweit ich wusste, war es dazu noch nie gekommen.

»Ach, hallo«, sagte mein Stiefvater zur Begrüßung und ergriff zögernd meine ausgestreckte Hand.

›Freut mich auch, dich zu sehen‹, dachte ich, sprach es aber nicht aus. In den nächsten Tagen würden wir zweifellos wieder zanken und streiten, aber nicht heute Abend. Es war kalt draußen, und es fing an zu regnen. Heute Nacht brauchte ich ein Dach über dem Kopf.

Mein Stiefvater und ich waren nie gut miteinander ausgekommen.

Gefangen im Gefühlschaos eines unglücklichen Kindes, hatte ich versucht, meiner Mutter ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie meinen Vater vertrieben hatte, und mich damit nicht nur ihr, sondern auch allen anderen entfremdet.

[28] Mein Vater hatte seine Sachen gepackt und sich verabschiedet, als ich gerade mal acht war, da er keine Lust mehr hatte, im Gefühlsleben meiner Mutter weit hinter den Pferden zu rangieren. Die kamen immer zuerst, dann die Hunde, dann das Stallpersonal und schließlich, wenn noch Zeit blieb, was selten der Fall war, ihre Familie.

Wie meine Mutter es hatte einrichten können, drei Kinder zu bekommen, war mir von jeher ein Rätsel. Beide Geschwister waren älter als ich und stammten vom ersten Mann meiner Mutter, den sie mit siebzehn geheiratet hatte. Richard Kauri war ein vermögender neuseeländischer Playboy von dreißig Jahren gewesen, der sich als Pferdetrainer versucht hatte. Meine Mutter nutzte sein Geld, um ihre eigenen Rennsportambitionen voranzutreiben, und übernahm nach zehn stürmischen Ehejahren das Haus und den Stall als Teil ihrer Scheidungsvereinbarung. Sohn und Tochter hatten damals zu ihrem Vater gehalten, und ich glaube inzwischen, das war ihr ganz recht, weil sie eher damit rechnen konnte, das Haus und das Trainingsgeschäft zugesprochen zu bekommen, wenn die Kinder beim Exmann blieben.

Kurz darauf heiratete sie meinen Vater, einen örtlichen Saatguthändler, und brachte mich passenderweise an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstag zur Welt – wie ein Geschenk. Doch ein Wunschkind, ein geliebtes Kind war ich nie. Eher eine weitere Verpflichtung ähnlich ihren Vierbeinern – zweimal täglich füttern, tränken, ausmisten und bewegen nach Bedarf, ansonsten hatte das Pferdchen still und brav im Stall zu bleiben.

Es mag eine einsame Kindheit gewesen sein, aber ich kannte es nicht anders und war im großen Ganzen [29] zufrieden damit. Was mir an menschlicher Zuwendung fehlte, holte ich mir bei Hunden und Pferden, die jede Menge Zeit für mich hatten. Ich dachte mir Spiele für uns aus; sie waren meine Freunde. Die Welt ging unter, als meine geliebte Beaglehündin Susie überfahren wurde. Besonders hart traf mich die Reaktion meiner Mutter: Statt mich zu trösten, befahl sie mir, ich solle mich zusammenreißen, es sei doch nur ein Hund.

Bei der Scheidung meiner Eltern entbrannte ein langer, zäher Streit um das Sorgerecht für mich. Erst Jahre später ging mir auf, dass sie gestritten hatten, weil keiner von ihnen einen achtjährigen Sonderling aufziehen wollte. Da meine Mutter den Streit verlor, war ich bei ihr geblieben und mein Vater ein für alle Mal aus meinem Leben verschwunden. Das empfand ich weder damals noch heute als großen Verlust. Er hat mir ein paarmal geschrieben und mir ab und an eine Geburtstags- oder Weihnachtskarte geschickt, dachte aber offensichtlich, dass er ohne mich besser dran war, und mir ging es umgekehrt genauso.

»Wie war es denn in Afghanistan, Liebling? Ich meine natürlich, bevor du verwundet wurdest«, erkundigte sich meine Mutter ziemlich taktlos. »Hat’s ein bisschen Spaß gemacht?«

Meine Mutter nannte mich schon immer Liebling, ohne das Gefühl, das den Sinn des Wortes ausmachte, auch nur anklingen zu lassen. Aus ihrem Mund klang es sogar eher ironisch, weil sie das ›ie‹ so in die Länge zog.

»Ich war ja nicht zum Spaß da«, sagte ich leicht gereizt. »Wir sollten die Taliban bekämpfen.«

[30] »Das weiß ich doch, Liebling«, antwortete sie. »Aber war es nicht manchmal auch schön?«

Wir aßen in der Küche zu Abend, und meine Mutter und mein Stiefvater sahen mich erwartungsvoll an.

Es war ein bisschen so, als hätte man die Frau von Präsident Lincoln gefragt, ob ihr das Stück gefallen habe, bevor ihr Mann in der Loge des Ford’s Theater erschossen wurde. Was sollte ich sagen?

Tatsächlich hatte ich bis zu dem Anschlag eine Menge Spaß in Afghanistan, aber ich fragte mich, ob es ratsam war, das auszusprechen.

Meinen ersten getöteten Taliban zu melden war phantastisch gewesen, und die Kampfhubschrauber zu rufen, damit sie eine Feindstellung mit 50-mm-Geschossen pulverisierten, war erregend bis ins Mark gewesen. Es hatte meinen Adrenalinpegel derart in die Höhe gejagt, dass es mir ein Leichtes war, ihnen im Nahkampf den Rest zu geben.

Man soll keine Freude daran haben, andere Menschen zu töten, aber so war es nun mal gewesen.

»Es ging«, sagte ich. »Eigentlich haben wir oft rumgesessen und gar nichts gemacht. Oder Karten gespielt.«

»Habt ihr auch Taliban zu sehen bekommen?«, wollte mein Stiefvater wissen.

»Manchmal«, wich ich aus. »Aber meistens von fern.«

Rund sechzig Zentimeter entfernt, aufgespießt auf meinem Bajonett.

»Gar keine Schießerei?«, fragte er. Bei ihm hörte sich das nach Fasanenjagd an.

»Doch, schon«, sagte ich.

Ich dachte an den Tag, an dem meine Truppe in einen [31] Hinterhalt geraten und der Feind uns zahlenmäßig überlegen war. Ich hatte oben auf einem Panzerwagen gehockt und die Umgebung mit Dauerfeuer aus einem Allzweck-MG bestrichen, das wir alle nur »Gimpy« nannten. An dem Tag hatte ich geschossen, bis der Lauf des Gimpys rot glühte.

Das alles hätte ich ihnen erzählen können.

Ich hätte ihnen von der Angst erzählen können. Weniger der Angst, zu sterben oder verwundet zu werden, als der Angst, zu versagen. Der Angst vor der Angst.

Jeder Soldat in der Geschichte der Menschheit hat sich die gleichen Fragen gestellt: Was werde ich tun, wenn es zum Kampf kommt? Wie verhalte ich mich im Angesicht des Feindes? Töte ich, oder werde ich getötet? Bin ich mutig, oder lasse ich meine Kameraden im Stich?

In der modernen britischen Armee ist das Offizierstraining vornehmlich darauf angelegt, jungen Männern und Frauen beizubringen, wie man in Extremsituationen und unter großem Stress einen klaren Kopf behält und entschlossen handelt. Befehlen lernen heißt auch Selbstbeherrschung lernen, entscheiden können, wenn ringsum der Teufel los ist. »Befehlsmoment« nennt man daher jene dramatischen Augenblicke, wenn man zum Beispiel in einen Hinterhalt gerät oder eine Sprengladung am Straßenrand explodiert, denn das ist der Moment, in dem alle zu dir schauen, dem Befehlshaber, damit du ihnen sagst, was sie tun und wie sie sich verhalten sollen. Jemand anderen können sie nicht fragen. Du musst entscheiden, und davon hängen Menschenleben ab.

Ebenso lehrt die Ausbildung Teamarbeit und insbesondere Verlässlichkeit. Nicht, sich auf andere zu verlassen, [32] sondern sich darüber klar zu sein, dass sie auf dich angewiesen sind. Letztlich hält ein Soldat nicht für Königin und Vaterland den Kopf hin, sondern er kämpft für seine Kameraden, die sterben, wenn er es nicht tut.

Meine biologische Familie mochte mich für einen Einzelgänger halten, doch sie täuschten sich. Die Soldaten meines Zugs waren meine Wahlfamilie, und ich hatte mich regelmäßig größter Gefahr ausgesetzt, um sie zu schützen.

Ewig hatte das nicht gutgehen können.

Die Begeisterung, mit der man einen Feind tötet, könnte Außenstehende zu der Annahme verleiten, dass Soldaten ein Menschenleben wenig gilt. Doch das wäre ein Trugschluss. Der Tod eines Kameraden, Freundes, Bruders trifft den Kämpfenden zutiefst. Solche Augenblicke ruft man sich immer wieder in Erinnerung und fragt sich: Hätte ich ihn irgendwie retten können?

Warum er und nicht ich? Das Schuldgefühl des Überlebenden ist immer dabei und nur abzustellen, indem man sich der vorliegenden Aufgabe widmet – dem Töten des Feindes.

»Gesprächig bist du ja nicht gerade«, beschwerte sich meine Mutter. »Ich dachte, für Soldaten gäb’s nichts Schöneres, als sich über ihre Schlachten auszulassen.«

»Da gibt’s nicht so viel zu erzählen«, sagte ich.

Jedenfalls nur wenig, was ihr nicht den Appetit verdorben hätte.

»Ich habe euch heute im Fernsehen gesehn«, wechselte ich das Thema. »In Cheltenham. Schöner Sieg im Maidenrennen. Schade nur das mit Pharmacist. Eine Zeitlang sah es fast so aus, als würde er auch gewinnen.« Das war zwar [33] keine taktvolle Bemerkung, aber ich wollte sehen, wie sie reagierten.

Meine Mutter hielt den Blick gesenkt, während sie gedankenverloren eine Kartoffel auf ihrem Teller herumstieß.

»Deine Mutter möchte nicht darüber reden«, versuchte mein Stiefvater die Unterhaltung zu beenden.

Er hatte kein Glück.

»Dein Futtermeister glaubt anscheinend, das Pferd ist gedopt worden.«

Meine Mutter fuhr hoch. »Ian...