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Ich kann nicht vergeben - Meine Flucht aus Auschwitz

von: Rudolf Vrba, Dagi Knellessen, Werner Renz

Schöffling & Co., 2012

ISBN: 9783895619793 , 528 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 14,99 EUR

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Ich kann nicht vergeben - Meine Flucht aus Auschwitz


 

Vorwort des Autors

Die Ereignisse, um die es in diesem Buch geht, liegen heute mehr als fünfzig Jahre zurück. Aus der Erinnerung heraus habe ich 1963 zu beschreiben versucht, wie die Deutschen es schafften, mich gegen meinen Willen aus meinem Heimatland, der Tschechoslowakei, in die Todeslager von Majdanek und Auschwitz zu verschleppen, was ich von Juni 1942 bis April 1944 als Häftling in diesen Todeslagern erlebte, wie ich am 7. April 1944 mit meinem Mithäftling Alfréd Wetzler1 aus Auschwitz floh und was nach unserer Flucht geschah.

Zunächst aber ein paar Bemerkungen dazu, wie und warum es zum Aufschreiben dieser Erinnerungen kam. Nach Ende des Krieges 1945 zog ich nach Prag, in die Stadt, die mir zu einem wahren Zuhause wurde, bis ich 1958 das Land verließ. Dort studierte ich Chemie und Biochemie und begann meine wissenschaftliche Karriere auf dem Gebiet, auf dem ich bis heute beruflich tätig bin.

Ich kann mich nicht entsinnen, dass mich in all den Jahren, die ich in Prag lebte, irgendwann einmal irgendjemand gefragt hat, was eigentlich in Auschwitz war. Ich weiß nicht, ob das an mangelndem Interesse lag oder daran, dass das Thema tabu war. Auschwitz spielt ja in der Geschichte der tschechischen und slowakischen Länder keine geringe Rolle: Nie zuvor wurden so viele Bürger, die auf tschechischem Territorium ansässig waren, auf einmal ermordet, doch dieses Geschehen, das gleichzeitig Teil meines eigenen Lebens ist, wird vielleicht zum ersten Mal in meinem Buch beschrieben.2

Sicher, schon in den fünfziger Jahren organisierte der Bund Antifaschistischer Kämpfer3 in Prag einen jährlichen Auschwitz-Gedenkabend, und als ich einmal sogar dorthin gegangen bin, habe ich viel über die heldenhaften tschechischen Kommunisten gehört. Dutzende von ihnen starben – wie Hunderte anderer tschechischer Bürger eben auch (Ehre ihrem Andenken!) – in Auschwitz, weil sie Widerstand gegen die Nazis geleistet hatten. Bei der erwähnten Gedenkveranstaltung sprach allerdings niemand von dem Mord an vielen Tausenden Tschechisch sprechender jüdischer Kinder, die kaltblütig in Auschwitz umgebracht und, ob sie wollten oder nicht, nationale Märtyrer wurden. Niemand sprach überhaupt vom Schicksal der Juden. Allerdings erkannte ich auf dem Podium ein paar jüdische Ex-Häftlinge aus Auschwitz. Doch als nach der Veranstaltung ein verdächtig gut gekleideter Herr auf mich zukam und mich fragte, ob mir aufgefallen sei, dass auf dem Podium lauter Juden gesessen hätten, schwieg ich. Es war die Zeit der antisemitischen Slánský-Prozesse4 im Jahr 1952, und ich wollte mein Schicksal nicht herausfordern.

Von 1958 bis 1960 arbeitete ich in Israel und verbrachte viele Stunden in Rechovot in der Bibliothek des nach Chaim Weizmann benannten berühmten Weizmann-Instituts. Jahrzehnte vor und während des Zweiten Weltkrieges war er einer der führenden Zionisten. Vielleicht war er ja sogar, wie bisweilen behauptet wurde, der Führer aller Juden und wurde deshalb bei Gründung des jüdischen Staates 1948 dessen erster Ministerpräsident. Mit Interesse las ich seinen Bericht über sein Leben und seine herausragenden Aktivitäten. Seine Autobiografie trägt den bescheidenen Titel Trial and Error; in ihrem Index ist Rechovot mehr als ein Dutzend Mal aufgeführt.5

Ich freilich war neugierig, wie oft wohl Auschwitz vorkam, schließlich starben dort hunderte Male mehr Juden, als je in Rechovot lebten. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass das Wort »Auschwitz« in den Lebenserinnerungen dieses modernen jüdischen Führers nicht einer einzigen Erwähnung für wert befunden wurde. Ich weiß nicht, ob das die Interesselosigkeit Weizmanns und seines Kreises widerspiegelt oder ob das Wort Auschwitz zur Zeit der Niederschrift vielleicht auch in Israel ein Tabu war – wenn auch aus ganz anderen, nicht genannten Gründen.

1960 wurde mir in England eine Stelle als Forschungsmitarbeiter im British Medical Research Council angeboten. Der Council war ein Mekka für Wissenschaftler, mit Freuden zog ich nach England und nahm schon bald englische Angewohnheiten an: Ich wurde zum leidenschaftlichen Teetrinker und Zeitungsleser.

Im Jahre 1960 wurde auch Adolf Eichmann verhaftet und plötzlich in fast allen Sonntagszeitungen die Vernichtung der europäischen Juden diskutiert. Das Wort Auschwitz tauchte ständig auf und war bald in aller Munde. Einer meiner neuen Freunde, Alan Perry, ein BBC-Journalist, redete gern mit mir über das Thema, allzumal, als er merkte, dass ich mehr darüber wusste, als er je in den Zeitungen lesen würde. Und als eines der damals wichtigsten, heute nicht mehr existierenden Blätter, der vom Dachverband der Gewerkschaften herausgegebene Daily Herald, immer noch keinen ausführlichen Bericht über Eichmanns Taten gebracht hatte, meinte Alan, angesichts meiner persönlichen Kenntnisse sei man dort wahrscheinlich bereit, einen Artikel von mir zu bringen.

»Rede doch mal mit ihnen darüber«, sagte er.

Ich hörte auf seinen Rat und stattete schon bald dem Daily Herald einen vormittäglichen Besuch ab. Dort merkte ich allerdings schnell, dass man nicht mal einfach so mit einem Redakteur sprechen konnte. Die Fleet Street, Zentrum des britischen Zeitungswesens, hatte ihre eigenen Regeln. Weil ich keine genaue Wegbeschreibung hatte, landete ich schließlich in einem Raum voller Journalisten, die an einem riesigen, mit Papieren, Teetassen, Aschenbechern und Milchflaschen überhäuften Holztisch Tee tranken. Unaufhörlich klingelten Telefone; dichter Zigarettenqualm erfüllte den Raum. Teetasse in der einen, Zigarette in der anderen Hand, kam ein etwa vierzigjähriger Journalist auf mich zu und betrachtete mich, den Eindringling, höchst interessiert. Musterte meine randlose Trotzki-Brille, die ich mir vor Jahren während einer Vorlesungsreise in Moskau hatte machen lassen, nahm meinen italienischen Regenmantel zur Kenntnis, den ich auf dem Weg von Israel nach London gekauft hatte, und warf einen Blick auf meine guten alten Schuhe aus Prag mit ihren fünf Zentimeter hohen Sohlen, die in den Fünfzigern in der CSSR, aber sicher nicht mehr in London Mode waren. Er fragte mich, wo ich herkäme, und staunte nicht schlecht, als ich »aus der Tschechoslowakei« sagte. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges verirrten sich nicht viele Leute aus diesem Land in ein Redaktionszimmer in der Fleet Street. Noch einmal musterte er meine Garderobe und erkundigte sich dann ganz direkt, ob ich ein Spion sei. Ich sagte ja, bat ihn aber nachdrücklich, es nicht weiterzuerzählen, weil es vertraulich sei. Er versicherte mich seiner Diskretion und stellte sich als Alan Bestic vor, freiberuflicher irischer Journalist, der seit seinem dritten Lebensjahr in London lebte.

Als ich ihm vom Zweck meines Besuchs und von dem Thema erzählte, über das ich für den Daily Herald schreiben wollte, fand er es wenig aussichtsreich, den zuständigen Redakteur so unkonventionell anzusprechen, und schlug vor, dass wir stattdessen den Artikel in der üblichen Form zusammen schrieben und ihn dann dem Redakteur anböten. Dann gingen wir in den nächsten Pub etwas trinken. (Damals gab es viele Pubs in der Fleet Street.) Zum Schluss lud mich mein neuer Freund übers Wochenende in sein Haus in Surrey ein, wo wir den Artikel verfassten.

An dem Wochenende tranken wir viele Tassen Tee und diskutierten stundenlang, was ich in den einundzwanzig Monaten und sieben Tagen als Häftling in Auschwitz erlebte hatte. Wir redeten über meinen Ausbruch (zusammen mit meinem Freund Alfréd Wetzler), darüber, wie wir unseren Bericht über das Vernichtungslager zu Protokoll gegeben hatten und was unmittelbar danach geschehen war. Hocherfreut sah ich, dass Bestic schneller stenografierte, als ich sprach. Als er das Ganze auf seiner klapprigen alten Schreibmaschine abtippte, klang es wie Maschinengewehrfeuer, und eine Seite nach der anderen wurde, fast ohne jeden Tippfehler, voll.

Doch dann meinte Bestic, wir bräuchten mehr als einen Artikel, damit die Geschichte lebendig und verständlich würde. Stirnrunzelnd fügte er allerdings hinzu, dass es beim Daily Herald nicht üblich sei, Artikel zu einem Thema in mehr als zwei Folgen zu bringen. Aber er tippte drei Texte von jeweils eintausend Wörtern und hoffte, dass er sich mit dem Redakteur auf zwei einigen würde. Eine Woche später rief er mich an und bat mich erneut zu einem Wochenende in Surrey. Der Redakteur hatte den vorgeschlagenen Artikel gelesen und wollte zu Bestics Überraschung nun fünf Teile von mir, die im Laufe einer Woche, von Montag bis Freitag, erscheinen sollten. Und so schilderten wir meine Geschichte in fünf Folgen, jede etwa eintausend Wörter lang.

Eine Woche danach lud mich Bestic wieder zu sich nach Hause ein, diesmal, um zu feiern, dass sein Redakteur unseren fünfteiligen Artikel von fünftausend Wörtern angenommen hatte. Ich unterzeichnete einen Vertrag, der dem Daily Herald das Recht einräumte, meinen Text zu veröffentlichen, und Alan gab mir einen Scheck, als Vergütung für »die Zeit, die ich für den Daily Herald aufgewendet hatte«. Ein Blick auf den Scheck, und ich sah, dass die Summe, die darauf stand, meinem (und nicht nur meinem) Jahresgehalt als Mitarbeiter des Medical Research Council entsprach. Später hörte ich gerüchteweise, dass der Redakteur bei einer Party mit Journalistenkollegen nicht nur stolz die Geschichte einer schon betagteren Dame zum Besten gab, die mit dem Gemälde eines alten Meisters ihre Küchentür aufzuhalten pflegte und das Kunstwerk für fast nichts an den ersten...