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Morbus Dei: Im Zeichen des Aries - Roman

von: Bastian Zach, Matthias Bauer

Haymon, 2013

ISBN: 9783709976517 , 368 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 3,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Morbus Dei: Im Zeichen des Aries - Roman


 

Persecutio


Wien,

Anno Domini 1704

I

Das Unwetter, das noch vor Sonnenaufgang über die Stadt hinweggepeitscht war, als wollte es die alte Kaiserstadt ertränken, hatte sich verzogen und den Himmel wolkenlos hinterlassen. Nun wehte ein laues, frühsommerliches Lüftchen. Die Sonne brannte herab und trocknete Wasserlachen und Morast auf.

Die Bauern waren nach der Mittagsrast wieder bei der Arbeit, kaum einer nahm Notiz von den dünnen Rauchschwaden, die im Norden über die Hügel­kuppen quollen.

Gestern war es ein Spektakel gewesen: So mancher hatte bereits die gesamte Reichshauptstadt einen Raub der Flammen werden sehen. Und dies mit nicht geringer Schadensfreude, denn nun würden die stink­reichen Städter erfahren, was es hieß, das gesamte Hab und Gut zu verlieren, wie die Bauern nach der letzten Türken­belagerung.

Doch als am Abend der Schein des Feuers erlosch, war allen klar, dass Wien weiterhin bestehen würde.

Und so widmeten sich die Bauern wieder ihrem Broterwerb und kümmerten sich auch nicht um den Wagenzug, der über die Landstraße holperte, eskortiert von einem Dutzend Männern zu Pferd. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Bewaffnung, ihres grimmigen Auftretens und der fehlenden Uniformen wusste jedermann, wer sie waren: Söldner.

Angeführt wurde der Zug von einer schwarzen Kutsche, deren Vorhänge zugezogen waren, gefolgt von zwei schweren Kastenwägen mit breiten, eisenbeschlagenen Rädern, deren Aufbau mit ledernen Planen verhängt war. Den Abschluss bildete ein Proviantwagen. Vor und nach dem Treck ritt die Eskorte und hielt mit grimmigem Blick Ausschau nach Hindernissen und Störenfrieden.

Das rhythmische Schaukeln von Kutschkästen hatte François Antoine Gamelin, Sondergesandter und Maréchal de camp der französischen Armee, immer schon als unangenehm empfunden, da es die Insassen seiner Meinung nach der Wirklichkeit beraubte. Er hasste es, wie ein verweichlichter Adeliger zu reisen, spürte lieber den harten Sattel unter sich und den frischen Wind im Gesicht, aber seine augenblickliche Lage ließ dies nicht zu.

Er blickte durch einen Spalt im Vorhang, sah die saftig grünen Wiesen und ärgerte sich darüber, dass er sich ärgerte. Grund dazu hatte er wahrlich keinen, denn heute Morgen war ihm ein Coup gelungen, für den ihn die gesamte Generalität bewundern würde. Er hatte kriegsentscheidenden Materials habhaft werden können, das sich zusammengepfercht in den beiden Wägen hinter ihm befand. Material, das er heimlich aus Wien geschleust hatte.

Zufrieden zwirbelte er seinen Schnurrbart und blickte wieder ins Wageninnere. Ihm gegenüber saß ein Teil dieses Materials in Form einer jungen Frau. Sie drückte sich an die luxuriöse Polsterung, den Blick gesenkt, das Kleid zerschlissen. Ihre dunklen Haare hingen ihr strähnig ins blasse Gesicht, welches eine Unzahl von Sommersprossen zierte. Auf ihrer linken Wange war ein flammendroter Fleck, der sich bläulich zu verfärben begann.

Gamelin hatte sie in letzter Sekunde einfangen können. Sie war der Schlüssel zu all dem, was in Wien geschehen war, der Funke, der eine wahre Feuersbrunst entfacht hatte, und er, Gamelin, sah sich nun als der Wächter ebendieses Funkens. Es war ihm sogar gelungen, ihr zu entlocken, wo das Dorf lag, in dem alles begonnen hatte. Diese Information sicherte ihn ab, falls seiner kostbaren Fracht etwas zustoßen sollte.

Nun, da sie ihm erzählt hatte, was er wissen wollte, war sie ebenso gewöhnlich wie die anderen in den Wägen. Und zu denen sollte sie sich nun gesellen.

Mit einer beiläufigen Handbewegung aus dem Fenster ließ der Maréchal die Kutsche anhalten. Zwei Söldner eilten herbei und öffneten die Wagentür. „Ich darf mich nun verabschieden und bei dir bedanken, ma chère Elisabeth“, sagte Gamelin mit französischem Akzent und nickte den Soldaten zu. Diese packten die junge Frau und zerrten sie aus dem Kutschkasten.

Sie wehrte sich nicht, ließ die Grobheit der Männer über sich ergehen und stolperte den lehmigen Weg entlang bis zum Ende des ersten Wagens hinter der Kutsche. Immer noch konnte sie keinen klaren Gedanken fassen, war nicht imstande zu verstehen, was ihr widerfahren war. Was ihnen allen widerfahren war.

Johann …

Die Soldaten schoben die Plane beiseite, öffneten die schwere, vergitterte Tür und warteten, bis Elisabeth in den Käfig geklettert war.

Im Inneren kauerten sich dutzende Menschen zusammen. Sie schützten ihre Augen mit den Händen vor dem gleißenden Tageslicht. Einen Moment später war die Tür wieder verriegelt und die Plane zugezogen.

Nur langsam gewöhnten sich Elisabeths Augen an die Dunkelheit, nur langsam konnte sie die Schemen der Männer, Frauen und Kinder ausmachen, die den Käfig füllten.

Mit einem abrupten Ruck setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung. Die Leiber, deren Haut mit schwarzen Verästelungen überzogen war, wurden aneinandergedrückt.

Johann, hilf mir!

Die Donau floss ruhig und gleichmäßig, glitzerte gülden in der Mittagssonne. Es waren keine größeren Schiffe unterwegs, nur eine voll beladene Zille bahnte sich ihren Weg gen Osten.

Graf von Binden, der Besitzer der Zille, blickte voll Sorge zu dem bewusstlosen Mann, der mittschiffs unter dem hausähnlichen Aufbau lag. Heinz Wilhelm Kramer, „der Preuße“, wie ihn seine Freunde zu nennen pflegten, war Stunden zuvor von einer Gewehrkugel schwer verletzt worden.

Blut war durch den dicken Verband um seinen Oberschenkel gedrungen, aber niemand wollte ihn wechseln, aus Angst, den Druck auf die Wunde zu verringern.

Johann List blickte ebenfalls zu seinem verletzten Kameraden und wischte sich über das Gesicht, versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

„Wir werden in wenigen Stunden in Preßburg sein“, sagte von Binden.

„Dann könnte es bereits zu spät sein, er verliert zu viel Blut. Wir müssen so schnell wie möglich zu einem Medikus.“

Von Binden seufzte. „Gut, riskieren wirs, Deutsch-Altenburg ist nicht mehr fern. Ich wollte zwar Wien weiter hinter uns lassen, aber du hast vermutlich recht. Und ich weiß auch schon, an wen wir uns wenden können.“ Der Graf verließ den Aufbau und ging zu seinem Steuermann ans Heck.

Johann atmete tief durch und sah sich um. Ihm gegenüber hockte Markus Fischart, ein Bär von einem Mann mit dem unbedarften Gesichtsausdruck eines Kindes. Seit Johann an Bord gekommen war, kaute er auf einem Stück Speckschwarte und hatte noch kein Wort gesprochen.

Hans und Karl saßen abseits und blickten schweigend auf die Donau. Sie hatten kaum ein Wort verloren, seitdem sie sich und den Preußen an Bord gerettet und damit nicht nur ihre Anstellung als Rumor­soldaten, sondern auch all ihren Besitz und ihr Zuhause zurückgelassen hatten.

Victoria Annabelle, die junge Tochter des Grafen, kauerte zwischen Kisten und schlief. Sie war sich der Tragweite ihrer Flucht wohl nicht bewusst, mutmaßte Johann. Sein Blick glitt von dem schlafenden Mädchen auf den Fluss, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen. Johann blinzelte, schloss die Augen.

Elisabeth …

Er dachte an ihr engelsgleiches Gesicht und wie er es zum ersten Mal gesehen hatte, damals im Dorf, als er im Fieber lag und sie ihn gesund pflegte. An ihr Lachen in den kurzen Momenten des Glücks. An ihre Hingabe, als sie sich geliebt hatten. An ihre Entschlossen­heit, als er und der Preuße schon aufgegeben hatten.

Und dann sah er vor sich, wie sie von den Soldaten vom Ufer weggezerrt worden war, vor wenigen Augenblicken, oder waren es bereits Stunden? Ihn überkam wieder die Ohnmacht, die er gefühlt hatte, als er sie in den Händen der Soldaten gesehen hatte, dann blinde Wut – wenn er gekonnt hätte, wäre er von der Zille gesprungen, durch die Donau geschwommen und hätte Wien allein im Sturm genommen, um Elisabeth wieder in die Arme zu schließen.

Johann atmete tief durch und setzte sich neben den Preußen. Er fasste dessen Arm und schloss die Augen.

Wie hatte es so weit kommen können? Wie hatte das alles begonnen? Vielleicht mit dem Komplott, das er mit dem Preußen und anderen Kameraden damals an der Front geschmiedet hatte? Aber sie hatten keine andere Wahl gehabt, ihre Offiziere hatten die Vernichtung eines ganzen Landstrichs und seiner Bevölkerung geplant, das mussten sie einfach verhindern. Und alles wäre geglückt, wäre nicht einer der Offiziere entkommen.

Von Pranckh.

Und nach dem Komplott – die Hatz auf die Meuterer, die Trennung von seinem Kameraden, die Flucht und die Festnahme durch die Franzosen. Die wochenlange Folter durch Generalleutnant François Antoine Gamelin.

Schließlich die erneute Flucht, die ihn in jenes einsame Tal in den Tiroler Bergen geführt hatte, in dem er, verwundet und geschwächt, dem Tod so nahe gewesen war wie niemals zuvor. Er erinnerte sich an die Lichter im Schneesturm, an das Dorf. Daran, wie er es mit letzter Kraft erreicht hatte und auf den Stufen vor dem Bauernhaus niedergestürzt war. Und während ihn der Schnee dort langsam zugedeckt hatte, war ihm der Tod wie ein Erlöser vorgekommen, wie ein Steuermann, der ihn nach den Jahren der Flucht in einen sicheren Hafen bringen würde.

Doch dann war Elisabeth gekommen. Sie hatte ihn gesund gepflegt und seinem Leben wieder einen Sinn gegeben.

Elisabeth …

Bilder blitzen vor Johanns geistigem Auge auf und verblassten wieder.

Die Tyrannei von Elisabeths...