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Krisen bewältigen - Viktor E. Frankls 10 Thesen in der Praxis

Johanna Schechner, Heidemarie Zürner

 

Verlag Braumüller Verlag, 2013

ISBN 9783991001119 , 344 Seiten

2. Auflage

Format ePUB

Kopierschutz Wasserzeichen

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16,99 EUR


 

WAS IST DER MENSCH?


„Wollte man den Menschen definieren, dann müsste man ihn bestimmen als jenes Wesen, das sich je auch schon frei macht von dem, wodurch es bestimmt ist.“ (Frankl, 2005a, Seite 163)

Viktor Frankl las in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift über schwer kriminelle Jugendliche, die man fragte: „Warum tut ihr das? Warum macht ihr das?“ Die Antwort war: „Warum nicht?“ (Frankl, DVD, 1995)

Mit ähnlicher Fragestellung gab es 1991 eine ARD-Fernsehsendung, die alarmierend von der zunehmenden Aggressivität an deutschen Schulen berichtete. Eine Diskussionsrunde mit namhaften Fachleuten aus Pädagogik, Politik und Soziologie debattierte über die aktuelle Schulsituation. Ein Journalist stellte im Vorfeld der Diskussion an einschlägig bekannte jugendliche Gewalttäter die Frage: „Sagt einmal, warum tretet ihr einem am Boden liegenden Menschen mit genagelten Schuhen ins Gesicht? Warum kifft und sauft ihr euch nieder? Warum tut ihr das?“ Die lapidare Antwort der Jugendlichen war: „Warum nicht?“ Auf diese Frage, die der Journalist der Diskussionsrunde stellte, gab es nur betroffenes Schweigen und keine einzige Antwort. (Nach Lukas, 2003b, Seite 211)

Als Logotherapeutin und als Pädagogin mit logotherapeutischer Ausbildung sind wir aufgrund unserer Tätigkeiten immer wieder mit der Not konfrontiert, die aus diesem ohnmächtigen Schweigen resultiert.

Im Menschenbild Viktor E. Frankls, Begründer der Logotherapie, finden wir Antworten auf die Frage „Was ist der Mensch?“. Er bündelte alte Menschheitsweisheiten zu einer psychotherapeutischen Schule, die als Ergänzung zum bisherigen Bildungs- und Wissensstand jedes Lesers und jeder Leserin beitragen kann.

Es ist uns wichtig, aus dieser „Sinn-Lehre“ auf die existenzielle und gleichzeitig bedrohende Frage „Warum nicht?“ Antworten zu geben, um heilende und hilfreiche Impulse für den Alltag aufzuzeigen.

Anhand von praxisnahen, anonymisierten Fallbeispielen veranschaulichen wir die Grundlagen des Menschenbildes. Jede Ähnlichkeit mit anderen Lebensgeschichten ist daher zufällig.

Während die Logotherapie ÄrztInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen in Ausbildung und Ausübung vorbehalten ist, soll Logopädagogik im VIKTOR FRANKL ZENTRUM WIEN jedem Interessierten zugänglich sein. Die präventive Kraft dieser Lehre kann als Ergänzung zu jeder bisherigen Ausbildung, im je eigenen Berufsfeld und in der Familie genützt werden.

Im vorliegenden Buch beschreiben wir in zehn Kapiteln den Menschen als Gestalter seiner Person und der Welt in verschiedenen Lebenssituationen. Vielfach sind heute gesellschaftlichen Halt gebende Strukturen und Traditionen verloren gegangen und deshalb ist die Ausrichtung auf Sinn und Werte von hoher Aktualität.

Ausgehend von Frankls „Zehn Thesen über die Person“, in denen er die Geistbegabung des Menschen philosophisch darlegt, werden „Zehn logopädagogische Thesen“ zur Umsetzung in die pädagogische Praxis sowie im Lebensalltag vorgestellt. Sie machen die Gestaltungsfähigkeit jeder einzelnen Person in ihrem je einzigartigen Umfeld bewusst, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Gegenüberstellung von Frankls „Zehn Thesen über die Person“ und den von uns formulierten „logopädagogischen Thesen“ finden Sie auf den Seiten 27–37.

Wie der Mensch als geistbegabtes Wesen auch in einer Zeit der Wirtschaftskrise und der Gesellschaftskrise sein Leben meistern kann, soll im Detail aufgezeigt werden.

„Warum nicht?“ wurde zu unserer Schlüsselfrage.

Warum sollen Kinder und Jugendliche bzw. Menschen generell, die von ihrem Potenzial her, von den finanziellen Ressourcen, von ihrer Kraft, von ihren Möglichkeiten in der Lage sind, destruktiv zu reagieren – warum sollen sie freiwillig darauf verzichten?

Haben wir ad hoc Antworten?

Warum nicht? Diese Frage, die eine bedrohliche Haltung der Jugendlichen zur Folge hat und schwerwiegende destruktive Konsequenzen für die Gesellschaft nach sich zieht, ließ uns nicht mehr los. Aus Betroffenheit und Sorge um eine gesunde Entwicklung junger Menschen, im Besonderen unserer eigenen Kinder und Enkelkinder, suchten wir nach konkreten Antworten, nach dem „Darum nicht!“.

Dieser Antwort können wir nur gerecht werden, wenn der Mensch in seiner Geistbegabung, Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit erfasst wird. Darum stellen wir gleich zu Beginn die Frage: Was ist der Mensch?

Viktor E. Frankl stellt diese Frage vor den Hintergrund des deterministischen, unfreien Menschenbildes seiner Zeit. Der Mensch wurde noch Anfang des 20. Jahrhunderts als ein Wesen ähnlich dem Säugetier beschrieben, mit Trieben und Instinkten programmiert und abhängig von körperlichen und psychischen Gegebenheiten. Die Frage an die Jugendlichen „Warum tut ihr solche Sachen?“, ließe sich aus dieser Sicht so beantworten, dass zum Beispiel Aggressionen als notwendige Triebabfuhr entladen und abreagiert werden müssen.

Daher ist die Frage naheliegend:

Worin besteht der Unterschied
zwischen Mensch und Tier?


Es gibt höhere Tiere, die dem Menschen sehr nahekommen. – Kann man den Menschen als „nackten Affen“ sehen? (Frankl, 1998, Seite 35) Tiere sind genprogrammiert und abhängig. Sie sind von ihrem Instinkt geleitet und dadurch ist ihr Leben in sich stimmig und gut.

Soll man grundsätzlich zwischen Mensch und Tier unterscheiden oder sind die Unterschiede graduell? Ist der Mensch graduell intelligenter als der Elefant? Auch Elefanten und Schimpansen haben Intelligenz, sind sozial und gefühlvoll. Ist der Mensch ein etwas höher entwickeltes Säugetier?

In diesem Kontext fragt Frankl, ob es etwas gibt, das nur dem Menschen eigen ist, nur ihm zukommt. Etwas, das spezifisch human ist, das es bei Pflanzen und Tieren nicht gibt. Etwas, das Menschsein ausmacht, und zwar generell, unabhängig ob ungeborenes Baby oder alter Mensch.

Und wenn es etwas gibt, was ist es? Frankl benennt das unterscheidende, spezifisch menschliche Kriterium „Geist“ und er übersetzt es mit dem griechischen Wort NOUS. Er spricht von der geistigen, noetischen Dimension als der dritten Dimension, neben dem Körper als erster und der Psyche als zweiter Dimension. Diese bahnbrechende Ergänzung des Menschenbildes um die geistige Dimension ist DIE Grundlage unseres Buches und wird im ersten Kapitel entfaltet. Sie führt zu einer weiteren Fragestellung Frankls:

Was lässt den Menschen gesund bleiben? Was lässt ihn gesund werden und zwar trotz erlittener Traumata, trotz leidvoller Erfahrungen und herausfordernder Lebensumstände, trotz Schicksalsschlägen und Katastrophen?

Mitauslöser dieser für seine Zeit neuartigen Fragestellung war seine Erfahrung, die er als junger Arzt in Steinhof, der „Irrenanstalt“ von Wien, gemacht hatte. Er hatte bei Patientinnen die lebensgeschichtlichen Variablen untersucht, ihre Vorgeschichte, ihre Entwicklungsgeschichte. Er hatte viel gefunden, was als Ursache der Symptome dienen könnte: traumatische Erfahrungen, erschütternde Erlebnisse, schwere Kindheit, Entbehrungen, Missbrauch, Gewalt usw.

Damals hatte er sich gefragt, ob sogenannte „gesunde Menschen“ von solchen Traumata verschont geblieben sind. So wandte sich Frankl an seine ArztkollegInnen, Krankenschwestern, StudentInnen, FreundInnen usw., alle „Gesunden“, die mitten im Leben und in der Arbeit standen, und er befragte diese nicht depressiven, gesunden Menschen mit denselben Anamnesebögen wie seine depressiven Patienten im Pavillon 11 in Steinhof.

Und was entdeckte er? Unter den Lebensbedingungen der „Gesunden“ gab es genauso tragische Vorkommnisse, Menschen mit leidvollen Kindheitserfahrungen, lebensgeschichtlichen Traumata, Verletzungen und Schwerem im Leben.

Was also ist es, dass manche Menschen traumatische Erfahrungen machen und nicht krank werden? Was lässt sie trotz allem gesund bleiben? Der Sinn, griechisch LOGOS, ist der entscheidende Faktor. Die Sinnerfüllung im Leben, die jeder Mensch aus tiefster Seele ersehnt, fungiert wie ein Schutzdach in schwierigen Lebensphasen.

Frankl folgerte daraus: Die Vorgeschichten und die Erfahrungen eines Menschen sind nicht die entscheidenden Kriterien für sein ganzes Leben. Entscheidend ist die Selbstgestaltungsfähigkeit, die den Menschen kraft seiner geistigen Dimension auszeichnet.

Was ist spezifisch human?

Die Geistbegabung des Menschen, die geistige, noetische Dimension, seine Fähigkeit, zu körperlichen und psychischen Gegebenheiten Stellung nehmen zu können.

Was lässt den Menschen trotz aller äußeren Umstände und innerer Zustände stabil bleiben...